Stell dir vor, du kraxelst die letzten wurzeligen Stufen über ein Felsplateau hinauf, der Atem geht schnell, und dann öffnet sich vor dir der Wald wie ein Vorhang: Nach Nordosten blitzt tiefblau der Titisee, nach Südosten liegt langgestreckt der Schluchsee. Zwei der berühmtesten Seen des Hochschwarzwaldes, beide auf einen Blick, aus knapp 1.300 Metern Höhe. Genau dafür kommen Wanderer zum Zweiseenblick, einem Felsausguck hoch über dem Feldberg, den man sich zu Fuß verdienen muss.
Der Zweiseenblick: zwei Seen auf einen Blick
Der Zweiseenblick ist kein Aussichtsturm mit Kasse und Geländer, sondern eine rohe Felsformation auf exakt 1.292 Metern über dem Meer. Er sitzt als Nebengipfel auf der Bärhalde, jenem breiten Bergrücken, der mit 1.318,7 Metern zwischen dem Menzenschwander Albtal und der Mulde von Neuglashütten aufragt. Unter deinen Füßen steckt uralter Bärhalde-Granit, ein grobkörniges Gestein, das vor über 330 Millionen Jahren tief in der Erdkruste langsam auskühlte. Erst der Feldberggletscher hat die Landschaft rundgeschliffen, die du heute siehst. Als er vor rund 15.000 Jahren abtaute, ließ er in den ausgeschürften Senken kleine Seen zurück.
Das Besondere ist die schmale Sichtachse. Durch die sonst dichte Vegetation öffnen sich genau zwei Fenster: eines nach Nordosten auf den Titisee, eines nach Südosten auf den größeren Schluchsee. Damit dieser Blick nicht zuwächst, muss der Forstbetrieb die nachwachsenden Bäume am Felsen immer wieder freischneiden. Ohne diese Pflege würde die zähe subalpine Vegetation den Horizont in wenigen Jahren wieder verschließen. Wer oben ankommt, blickt also nicht nur auf zwei Seen, sondern auf ein Stück bewusst offengehaltene Landschaft.


Zwei blaue Wasserflächen, gerahmt von dunklem Wald, aus der Vogelperspektive. Diesen Blick gibt es sonst nirgends im Hochschwarzwald.
Ein Hochmoor, so hoch wie kein anderes
Nur wenige Schritte vom Aussichtsfelsen entfernt beginnt das zweite Highlight, und es ist mindestens so eindrucksvoll wie die Fernsicht. Das Hirschbädermoor, oft auch Zweiseenblickmoor genannt, liegt auf einem schmalen Bergsattel zwischen 1.270 und 1.290 Metern und ist damit das höchstgelegene Hochmoor in ganz Baden-Württemberg. Sein Torfkörper reicht vier bis sechs Meter in die Tiefe und ist einst über den Rand eines verlandeten eiszeitlichen Sees hangabwärts gewachsen. Damit du diesen empfindlichen Boden nicht zertrittst, führt ein hölzerner Bohlensteg mitten hindurch. Freiwillige Helfer haben ihn im Spätsommer 2021 im Rahmen eines geförderten Voluntourismus-Projekts komplett erneuert.
Vom Steg aus schaust du auf fast schwarze, tiefgründige Torfwasserlöcher. Im Herbst, wenn sich Gräser und Wollgras in alle Braun- und Ockertöne färben, wirkt die Szene wie ein Stück Skandinavien mitten im Schwarzwald. Halte die Augen offen: Im hochsauren Milieu des Moores wächst der fleischfressende Rundblättrige Sonnentau, der Insekten mit klebrigen Tröpfchen fängt. Auch botanische Raritäten wie die Alpen-Troddelblume oder das Traunsteiner Knabenkraut haben hier überlebt, Eiszeitrelikte, die sonst erst weit oberhalb der Waldgrenze wachsen.
Mitten im ältesten Naturschutzgebiet des Landes
Felsen und Moor gehören beide zum Naturschutzgebiet Feldberg. Mit 42 Quadratkilometern ist es das größte und älteste seiner Art in Baden-Württemberg und steht schon seit 1937 unter Schutz. Biologen nennen die kargen, windgepeitschten Kuppen rund um Feldberg und Bärhalde eine subalpine Insel im Mittelgebirge: Als die Gletscher abschmolzen, zogen sich alpine Pflanzen in diese Höhenlagen zurück und blieben.
Auch die Tierwelt hat es in sich. In den lichten Wäldern und Moorsenken findet das stark gefährdete Auerhuhn einen seiner letzten Rückzugsräume. Und unter deinen Füßen, tief im Boden, lebt eine echte Kuriosität, die es nur hier gibt: der Badische Riesenregenwurm. Er wird bis zu 60 Zentimeter lang und so dick wie ein Bleistift. Wer die Zusammenhänge genauer verstehen will, muss nicht allein loslaufen. Das Haus der Natur auf dem Feldbergpass, das Naturschutzzentrum Südschwarzwald, bietet geführte Ranger-Wanderungen an. Feldberg-Ranger Achim Laber führt seit vielen Jahren mit tiefem Fachwissen und viel Unterhaltungswert durch das Gebiet.
Die Wanderung zum Zweiseenblick
Der Zweiseenblick ist nicht mit dem Auto erreichbar, und genau das macht seinen Reiz aus. Je nach Route bist du drei bis sechs Stunden unterwegs. Ein schöner Klassiker ist die knapp zehn Kilometer lange Rundtour ab Altglashütten. Du startest am Parkplatz Schwarzenbach an der B 500, nahe Geißenhof und Skilift, auf rund 995 Metern. Erst geht es sanft durch Wiesen ins Tal des Schwarzenbachs, dann stetig bergauf über den Lachenrüttenweg. An kalten Morgen wabern hier oft Nebelschwaden über dem Schluchsee. Nach der Wasserlochhütte biegst du in den Zweiseenblickweg ein, der dich über die Felsen zum höchsten Punkt führt. Zurück geht es sanft über den Philosophenweg.
Steiler und sportlicher ist der Aufstieg vom Ufer des Schluchsees, ab Schluchsee-Aha. Über Kapellenkopf und Bärhaldenweg gewinnst du rasch an Höhe, die letzten Meter fordern dich mit einem wurzeligen Pfad und einer Treppenanlage direkt aufs Felsplateau. Geübte hängen gern eine Schleife zum Windgfällweiher an, dann werden es rund 14,5 Kilometer. Wichtig: Der Zweiseenblick liegt auf der östlichen Variante des Westwegs, deshalb ist er an sonnigen Wochenenden gut besucht. Für die letzten Etappen brauchst du festes, profiliertes Schuhwerk und etwas Trittsicherheit. Nach Regen werden die Wurzelpfade und Felsstufen richtig rutschig, dann verschiebst du die Tour lieber.
Was du oben mitnimmst
Der schönste Moment ist der frühe Morgen. Wenn du vor den Wochenend-Wanderern oben stehst und die letzten Nebelschleier noch über den dunklen Wassern von Titisee und Schluchsee hängen, gehört dir der Fels für einen Augenblick ganz allein. Es ist einer der eindrucksvollsten Ausblicke des ganzen Schwarzwaldes, und du hast ihn dir Schritt für Schritt erarbeitet. Die rustikalen Holzbänke am Felsen laden zur Rast, für ein selbst mitgebrachtes Vesper. Eine bewirtschaftete Hütte gibt es oben nicht, die Einkehr planst du an Start oder Ziel ein.
Für Familien ist die Tour ein lohnendes, aber forderndes Abenteuer. Kinder ab etwa sechs bis acht Jahren, die schon Erfahrung in unebenem Gelände haben, kommen gut mit, und der Bohlensteg mit seinen fleischfressenden Pflanzen ist für junge Entdecker ein echter Höhepunkt. Kinderwagen oder Rollstühle haben hier allerdings keine Chance, die Wurzelsteige und Treppen schließen das aus. Kleinkinder gehören ins Tragetuch oder in die Kraxe. Und wenn das Wetter kippt? Dann bietet sich die trockene, interaktive Indoor-Ausstellung im Haus der Natur als wetterfeste Alternative in direkter Nachbarschaft an.
Ausflugsziele in der Nähe
Die Lage des Zweiseenblicks lädt zum Kombinieren ein. Der Schluchseer Jägersteig, ein 11,3 Kilometer langer, zertifizierter Genießerpfad, zieht sich durch schattige Wälder direkt über den Anhöhen des Schluchsees und lässt sich am Bahnhof Aha perfekt mit dem Aufstieg verknüpfen. Wer an heißen Tagen eine Abkühlung sucht, steigt über den Gottwinaweg zum Windgfällweiher ab, einem einst geheimen, heute beliebten Badesee zwischen Titisee und Schluchsee. Etwas versteckter östlich oberhalb des Weihers liegen die Bildsteinfelsen, an denen du die typische Wollsackverwitterung des grobkörnigen Granits studieren kannst. Am benachbarten Feldberg bringt dich die Feldbergbahn bequem nach oben, und wer noch einen weiteren Bergsee sehen möchte, findet mit dem Feldsee-Rundweg ein lohnendes Ziel in der Nähe. Westlich der Bärhalde, im Menzenschwander Albtal, sind die Menzenschwander Wasserfälle einen Abstecher wert. Unten am Titisee laden der Titisee-Rundweg und die Bootsrundfahrten Drubba Titisee zu einem entspannten Ausklang ein.
Pack also feste Schuhe, genug Wasser und etwas zu essen ein, wähle einen klaren Morgen und mach dich auf den Weg. Kommst du mit dem eigenen Auto, stellst du es an einem der tiefer gelegenen Wanderparkplätze ab, etwa am gebührenpflichtigen Parkplatz in Schluchsee-Aha, wo der Automat passendes Münzgeld verlangt. Reist du mit der Bahn an, bringt dich die Höllentalbahn nach Titisee oder Bärental und die Dreiseenbahn direkt nach Schluchsee-Aha. Von Titisee und Bärental fährt die Buslinie 7300 im Stundentakt Richtung Zell im Wiesental und hält unter anderem an den Startpunkten Caritas-Haus Feldberg und Altglashütten. Übernachtest du in der Region, fährst du mit der KONUS-Gästekarte kostenlos mit Bus und Bahn, die bekommst du bei deinem Gastgeber.
Im Winter sind die schmalen Pfade zum Zweiseenblick von etwa Ende Dezember bis in den März bei starkem Schnee zu Fuß nicht passierbar. Dann geht es nur mit Schneeschuhen oder Tourenski. Das Naturschutzzentrum Südschwarzwald bietet dafür geführte Schneeschuhtouren an, inklusive Material ab 26,10 € für Erwachsene und 13,00 € für Kinder. Aktuelle Wegsperrungen nach Winterstürmen meldet der Schwarzwaldverein tagesaktuell.
Gut zu wissen
Steh früh auf. Wer am zeitigen Morgen oben ankommt, hat den Felsen oft für sich und erlebt, wie die Nebelschwaden über Titisee und Schluchsee liegen. Für die ruhigere Vesperpause verlagerst du das Picknick vom oft besetzten Aussichtsfelsen auf den Bohlensteg im Hirschbädermoor. Und wer für den Start in Aha parkt: unbedingt vorher Münzgeld einstecken, der Kiosk am Parkplatz wechselt nicht.