Stell dir vor, du folgst der Hinterdorfstraße bis ans Ende des Tals, steigst aus dem Auto, und noch bevor du den ersten Felsen siehst, hörst du es: ein tiefes, raumfüllendes Tosen, das aus der Schlucht heraufdringt. Nur hundert Schritte später stehst du vor den Menzenschwander Wasserfällen, wo sich die Alb über bemooste Granitwände in die Tiefe stürzt. Wasser, das vom Feldberg herabkommt und sich seit Jahrtausenden in den harten Fels frisst. Kein Kassenhäuschen, kein Zaun. Nur du, der Gischtnebel und das Wasser.
Was die Menzenschwander Wasserfälle so besonders macht
Die Menzenschwander Wasserfälle liegen im Ortsteil Menzenschwand von St. Blasien, ganz im Süden des Hochschwarzwaldes, und sie sind weit mehr als eine hübsche Kaskade. Sie bilden den dramatischen nördlichen Abschluss eines weiten Gletscher-Trogtals, das vom 1.493 Meter hohen Feldberg herabführt. Was du hier siehst, hat die Eiszeit geformt: Wo zwei Gletscherströme zusammentrafen, grub sich der mächtigere aus dem Krunkelbachtal tiefer in den Granitporphyr als sein nördliches Pendant. Zurück blieb eine gewaltige Geländestufe, an der sich das Wasser bis heute abarbeitet.
Das Ergebnis ist eine teils extrem enge Klamm mit bis zu 30 Meter hohen, steil aufragenden Felswänden, über die das Wasser in mehreren Stufen herabstürzt. Die ganze Anlage liegt im Naturschutzgebiet Feldberg, dem flächenmäßig größten Baden-Württembergs, und ist als Geotop ausgewiesen. Ein Detail, das viele überrascht: Nicht alles hier ist reine Natur. Neben dem mächtigen Hauptfall stürzt von der Seitenflanke ein kleinerer, drei bis vier Meter hoher Wasserfall ins Tosbecken. Den hat man vor langer Zeit künstlich angelegt, indem ein Seitenbach gezielt über die Felskante umgeleitet wurde, um die wildromantische Wirkung zu verdichten. Heute fügt er sich so harmonisch ein, dass kaum jemand den Unterschied merkt.








Durch die Klamm bis zum Tor zur Glückseligkeit
Der Weg hinauf ist das eigentliche Erlebnis. Über stabile Natursteintreppen, schmale Holzstege und kleine Brücken windet sich der Pfad direkt an den Felswänden entlang, teilweise quer über die tosenden Wassermassen hinweg. An strategisch gesetzten Plattformen zwischen den bemoosten Steinen kannst du innehalten und das fallende Wasser aus immer neuen Perspektiven betrachten. Du spürst die feine Gischt auf der Haut, der Lärm umhüllt dich, und mit jeder Stufe verändert sich das Schauspiel aus Strömung und Fels. Die Treppen sind mit Geländern gesichert und gelten als sicher, festes Schuhwerk oder gute Turnschuhe sind trotzdem klug.
Ein typischer Anfängerfehler: oben an den Holztreppen umzudrehen. Geh noch ein paar Meter weiter, bis eine kleine Forststraße mit einer Brücke den Pfad kreuzt. Stellst du dich mittig auf diese Brücke, stehst du genau über der Abrisskante, an der das Wasser in den Schlund stürzt. Drehst du dich um, rahmt das sogenannte Tor zur Glückseligkeit den weiten Blick über das Menzenschwander Tal. Dieser Anblick bleibt allen verborgen, die zu früh kehrtmachen. Die reine kleine Runde durch die Klamm und über die Forststraße zurück dauert kaum mehr als zehn bis fünfzehn Minuten Gehzeit, mit Fotostopps und Staunen bleibst du leicht ein bis zwei Stunden.
Wenn dichte Nebelschwaden im Tal hängen und noch kein anderer da ist, entfaltet die Klamm ihre ganze wildromantische Wirkung.
Wenn die Wasserfälle nachts leuchten
Es gibt einen Grund, weshalb sich die Menzenschwander Wasserfälle von anderen Kaskaden im Schwarzwald abheben: ihre nächtliche Inszenierung. Von Mai bis Oktober wird die gesamte Klamm an drei Abenden in der Woche, mittwochs, samstags und sonntags, künstlich beleuchtet. Leistungsstarke Scheinwerfer tauchen die herabstürzenden Wassermassen, die Gischt und die schroffen Felswände in ein warmes, fast theaterhaftes Licht. Aus dem Naturdenkmal wird eine unwirkliche Kulisse, die Paare, Fotografen und Nachtwanderer anzieht.
Tagsüber lohnt die Klamm bei jedem Wetter, doch ausgerechnet Regen macht sie noch eindrucksvoller. Schwillt die Alb durch Niederschläge vom Feldberg an, stürzen die Kaskaden mächtiger, und das Tosen potenziert sich. Ein Besuch in Regenkleidung hat einen rauen, imposanten Charme. Nur die Rutschgefahr auf den nassen Stegen und Treppen solltest du dann ernst nehmen. Wer das Wasser am liebsten weich und samtig fotografiert, bringt Stativ und ND-Filter mit und belichtet lange. So entsteht der sogenannte Pulverlook, bei dem das stürzende Wasser zu einem seidigen Schleier verschwimmt.
Geißenglocken, Köhler und der Geißenpfad
Viele erleben die Wasserfälle nicht als Kurzbesuch, sondern als krönenden Abschluss einer Wanderung. Der Menzenschwander Geißenpfad ist ein vom Deutschen Wanderinstitut zertifizierter Premiumwanderweg, rund 10,5 Kilometer lang, mit etwa 300 bis 336 Höhenmetern und einer Gehzeit von dreieinhalb bis vier Stunden. Start ist meist der Mösle-Parkplatz im Hinterdorf. Der Weg führt an historischen Schwarzwaldhöfen mit weit heruntergezogenen Walmdächern vorbei, durch lichte Wälder und über schmale, naturnahe Ziegenpfade. Sein Name ist Programm: Immer wieder klingen Ziegenglocken durch die Luft. Die Geißen werden hier zur Landschaftspflege eingesetzt und grasen oft so nah, dass du sie aus wenigen Metern beobachten kannst.
Wer sich den Fällen über den nördlichen Zugang oder den Geißenpfad nähert, passiert im Klausenwald kleine kulturelle Stationen. Ein detailgetreu nachgebauter Kohlenmeiler erinnert an das harte Leben der Schwarzwälder Köhler, die hier einst Holz zu Holzkohle verarbeiteten. Gleich daneben lädt die Wälderschneck, eine spiralförmige Anordnung von Baumstümpfen, zum Mitmachen ein: Klappst du die Tafeln auf, bestimmst du spielerisch heimische Baumarten. Sportlich Ambitionierte hängen die Besteigung des Herzogenhorns an, mit 1.415 Metern der zweithöchste Gipfel des Schwarzwaldes, wo ein 360-Grad-Panorama bei klarer Sicht bis zu den Alpen und Vogesen reicht. Eingekehrt wird hinterher gern im Café Zum Kuckuck direkt am unteren Ausgang der Klamm oder im Berggasthaus Albhof mit Biergarten und Fernsicht zum Feldbergmassiv.
Für wen sich der Ausflug lohnt
Für Familien ist das hier ein kleines Paradies. Wasser zieht Kinder magisch an, und die kurze Distanz vom Parkplatz macht das Ziel auch für kleine Beine ohne Quengeln erreichbar. Der eigentliche Schatz liegt im flachen Bachlauf der Alb vor der Schlucht: Dort ist die Strömung schwach, sodass Kinder im seichten Wasser waten, Staudämme bauen und Schiffchen schwimmen lassen können. In den Sommerferien gibt es zudem geführte Erlebnistouren für Kinder bis 14 Jahre, bei denen ein erfahrener Förster durch Moränenkunde, Insektenwelt und das Leben der Geißen führt. Anmeldung über die Tourist-Information ist dafür Pflicht.
Ehrlich bleiben muss man bei einem Punkt: Die Klamm ist nicht barrierefrei und definitiv nicht kinderwagentauglich. Wer mit Baby anreist, braucht Trage oder Kraxe statt Buggy. Für Senioren dagegen ist das Verhältnis aus geringem Aufwand und großer Wirkung ideal, weil die Zufahrt fast bis an den Wasserfall reicht und die Treppen mit Geländern gesichert sind. Hunde sind willkommen und lieben das kühle Wasser, im Naturschutzgebiet und auf dem Geißenpfad gilt aber strikte Leinenpflicht, vor allem zum Schutz der frei weidenden Ziegen.
Ausflugsziele in der Nähe
Weil du an den Wasserfällen selbst meist nur ein bis zwei Stunden verbringst, lohnt sich ein größeres Tagesprogramm. Nur rund zehn Kilometer südlich liegt St. Blasien mit seinem Dom, dessen gewaltige Kuppel zu den größten Europas zählt. Der strahlend weiße, klassizistische Innenraum bildet einen faszinierenden Kontrast zur rauen Natur der Schlucht. Im benachbarten Menzenschwand-Hinterdorf entspannst du nach der Wanderung im Radon Revital Bad, das fluoridhaltiges Wasser der örtlichen Barbaraquelle für die Schwimmbecken und radonhaltiges Wasser aus dem historischen Bergbau für therapeutische Kuranwendungen nutzt. Wer den Vierbeiner ausgiebig schwimmen lassen will, fährt zum nahen Windgfällweiher. Nur eine kurze Fahrt entfernt locken am Feldberg der Feldsee-Rundweg und die Feldbergbahn, und wer eine zweite Kaskade sehen möchte, steuert den Todtnauer Wasserfall an. Pack also feste Schuhe, Regenjacke und Neugier ein und fahr hin. Eintritt kostet die Menzenschwander Wasserfälle nichts, und genau das macht den Reiz aus: pure Natur, jederzeit, für alle offen.
Gut zu wissen
Der Parkplatz direkt am Wasserfall (Hinterdorfstraße 58) hat nur wenige Plätze. An sonnigen Wochenenden stellst du das Auto besser auf dem größeren Mösle-Parkplatz rund 800 Meter weiter unten ab. Der kurze Fußweg durchs Dorf an den prächtigen alten Schwarzwaldhöfen vorbei ist ein perfektes Warm-up vor den Treppen der Klamm.