Erst hörst du nur deine eigenen Schritte auf dem Asphalt der Friedrichstraße. Dann endet die Häuserzeile, der Boden wird weich und braun, die Luft kühlt um ein paar Grad ab, und aus dem Wald vorne kommt ein Rauschen, das mit jedem Meter zunimmt. Zwanzig Minuten später stehst du vor dem Windbergwasserfall, hast feine Gischt im Gesicht und die Kurstadt vollständig vergessen, obwohl sie kaum einen Kilometer hinter dir liegt.
Ganzjährig offen, nach Regen ein völlig anderer Ort
Der Wasserfall ist ein frei zugängliches Naturdenkmal im öffentlichen Wald: keine Kasse, kein Schranken, keine Öffnungszeiten. Die Schlucht ist theoretisch rund um die Uhr begehbar, praktisch endet die Empfehlung mit der Dämmerung. Beleuchtung gibt es keine, und der Pfad verläuft über Wurzeln, Steine und schmale Holzbrücken.
Im Hochsommer spielt die Schlucht ihre größte Stärke aus. Die dichten Baumkronen des Bannwalds lassen kaum direktes Sonnenlicht bis zum Boden durch, dazu kommt die Verdunstungskälte des fallenden Wassers. Während sich die Luft im Talkessel von St. Blasien drückend aufheizt, läufst du hier in einer spürbar kühleren Zone.
Nach Regentagen führt das Windbergbächle deutlich mehr Wasser, der Fall wirkt voluminöser und das Tosen füllt die ganze Schlucht. Der Preis dafür steht im Weg selbst: Gneis und Granitporphyr werden nass extrem rutschig, darauf weisen Forstamt und Wandervereine ausdrücklich hin. Festes Schuhwerk mit gutem Profil ist zwingend erforderlich. Bei anhaltendem Starkregen lässt du die Schlucht besser aus und gehst in den trockenen Dom oder in die Sektmanufaktur unten im Ort.


Warum der Windbergwasserfall lauter klingt, als er hoch ist
Sechs Meter stürzt das Windbergbächle über eine natürliche Felskante in ein ausgewaschenes Becken, bevor es weiter unten in die Alb mündet. Das ist keine Rekordhöhe, und trotzdem wirkt der Ort größer, als die Zahl vermuten lässt. Die Windbergschlucht liegt am Ausgang eines Hängetals über dem tieferen Albtal, ihre Felswände ragen bis zu 35 Meter auf. Dichter Baumbestand, feuchtkühles Mikroklima und Dauerrauschen schneiden dich akustisch und visuell fast vollständig von der Stadt ab.
Das Gestein erzählt die ältere Geschichte: harter Gneis und rot-violetter Granitporphyr, Zeugen früherer vulkanischer und tektonischer Aktivität. Der Wald darüber erzählt die jüngere. 1992 hat die Forstverwaltung die 3,9 Hektar rund um Wasserfall und Schlucht als Bannwald deklariert, 2004 wurde das Totalreservat nach dem baden-württembergischen Landeswaldgesetz rechtskräftig verordnet. Seither wird hier nichts mehr bewirtschaftet und kein Baum entnommen. Abgestorbene Stämme bleiben liegen, vermodern und werden von Moosen, Flechten und Farnen überwachsen. Zusätzlich gilt die Schlucht als geschütztes Biotop nach Paragraf 32 des Naturschutzgesetzes.
Kinder sehen in diesem Durcheinander aus moosbewachsenen Steinen, mäandernden Bachläufen und umgestürzten Baumriesen sofort etwas anderes als ein Reservat. In Besucherberichten taucht dafür die Beschreibung „Abenteuer im Feenland“ auf. Historisch war der Fall nüchterner besetzt: Über Jahrhunderte diente er Köhlern und Glasträgern als Orientierungspunkt in den Wäldern rund um das Kloster St. Blasien. Die Höfe der Umgebung gehörten zum Klosterbesitz, bis die Säkularisation 1806 alles an das Großherzogtum Baden übergehen ließ. Oberhalb des Wasserfalls steht heute die kleine Windberghütte als Schutzhütte für Wanderer.
Im Spätsommer und Herbst 2026 saniert das Forstamt die drei oberen Holz-Wanderbrücken im Pfad durch die Windbergschlucht. Dabei ist mit punktuellen Vollsperrungen von bis zu fünf Werktagen zu rechnen, der genaue Termin wird jeweils nur wenige Tage vorher bekannt gegeben. Der Wasserfall bleibt erreichbar, wenn du dich ihm von Norden aus Richtung Windberghof beziehungsweise Häusern näherst, denn die oberste Baustelle liegt ein Stück unterhalb des Falls. Der Windbergfels über der Schlucht ist seit April 2017 wegen akuter Felssturzgefahr fürs Klettern gesperrt, die Lotenbachklamm bleibt für die gesamte restliche Wandersaison 2026 zu.
Vom Domvorplatz in zwanzig Minuten in den Bannwald
Der Weg beginnt mitten im Ort, in Sichtweite des Doms. Du gehst über die Hauptstraße und die Friedrichstraße nach Osten, und auf Höhe der Hausnummer 29 hört die städtische Bebauung schlagartig auf. Ab hier heißt der Weg Blasiwaldweg. Bis zum Becken des Wasserfalls sind es rund 1,5 Kilometer, im gemütlichen Tempo etwa 20 Minuten, leicht bis allenfalls mittelschwer und stetig, aber moderat ansteigend. Für Hinweg, Pause, ein paar Fotos und den Rückweg über denselben Pfad oder den parallelen Forstweg planst du eine Stunde ein.
In der Schlucht wird es naturbelassen: dicke Steine, freiliegende Wurzeln, schmale Holzbrücken. Geglättet wird hier nichts, weil das gesamte Areal unter Schutz steht, für herkömmliche Kinderwagen ist der Weg deshalb nicht geeignet. Mit Säuglingen und Kleinkindern nimmst du besser eine Kraxe oder ein Tragetuch. Hunde sind erlaubt, im Bannwald gilt allerdings die übliche Rücksicht: Leine an, den Wildtieren zuliebe.
Angereist wird mit dem Auto über die B500. Alle gebührenpflichtigen Parkmöglichkeiten liegen fußläufig zum Start des Blasiwaldwegs: Am Straßenrand der Hauptstraße kostet die Stunde 1,20 Euro, im überdachten Parkhaus am Busbahnhof an der Umgehungsstraße nur 0,50 Euro pro Stunde, gedeckelt auf 4,00 Euro am Tag. Bezahlt wird auch bargeldlos über die Parkster-App mit minutengenauer Abrechnung, am Automaten löst die grüne Taste ein Gratis-Ticket für 15 Minuten. Ohne Auto fährst du mit der Dreiseenbahn bis Seebrugg und von dort mit der Buslinie 7319 in 14 bis 20 Minuten weiter, werktags im Stundentakt. Mit der KONUS-Gästekarte ist diese Fahrt kostenfrei, sie gilt im Nahverkehr in der 2. Klasse, Fernzüge wie IC und ICE sind ausgenommen.
auch mit Hund kein Problem
Gut zu wissen
Was sich in der Nähe noch lohnt
Kaum ein Ausflug endet am Wasserfall, denn 20 Gehminuten entfernt steht der Dom St. Blasien und liefert den Gegensatz zur dunklen, feuchten Schlucht. Nach dem Brand der zweitürmigen Vorgängerkirche 1768 entstand zwischen 1770 und 1783 ein frühklassizistischer Kuppelbau nach dem Vorbild des römischen Pantheons, die freitragende Kuppel misst 36 Meter im Durchmesser und 62 Meter in der Höhe. Führungen gibt es von Mai bis Oktober mittwochs um 10:45 und freitags um 14:45 Uhr nach Voranmeldung, für 6,00 Euro, ermäßigt 5,00 Euro, Kinder bis 15 Jahre 3,00 Euro. Mit der Hochschwarzwald Card, die du ab zwei aufeinanderfolgenden Nächten bei einem teilnehmenden Gastgeber bekommst, ist die Führung einmalig kostenfrei, dafür muss der QR-Code vor der Führung in der Tourist-Information gescannt werden.
Wanderst du vom Wasserfall weiter bergauf aus der Schlucht heraus, erreichst du den Windberghof, einen Schwarzwald-Eindachhof mit erster schriftlicher Erwähnung im 16. Jahrhundert. Familie Albrecht hat ihn ab 2003 in zehn Jahren Detailarbeit originalgetreu zurückgebaut, mit aufgearbeitetem Altholz abgerissener Höfe statt industriellem Bauholz, und mehrfach diente er seither als Filmkulisse. Heute läuft er als zertifizierter Bio-Betrieb mit Milchziegen und Ardenner Pferden, ein Einkauf am Hof ist allerdings nur nach telefonischer Absprache unter 07672 481464 möglich. An der Friedrichstraße, also direkt auf deinem Weg, liegt außerdem die Heinz Wagner Sektmanufaktur auf 777 Metern Höhe, die höchstgelegene Deutschlands, mit Führungen und Verkostung nach Absprache.
Im Ort selbst ist das Kreismuseum St. Blasien einen Abstecher wert. Rund 14 Fahrminuten mit dem Linienbus entfernt liegt der Schluchsee, wo der Jägersteig Schluchsee und das aqua fun Schluchsee auf dich warten. Ebenfalls gut erreichbar sind die Menzenschwander Wasserfälle, denn die 4. Etappe des Albsteigs verbindet St. Blasien auf 9,63 Kilometern und rund 2,5 Stunden Gehzeit direkt mit Menzenschwand. Der schönste Einstieg bleibt aber der kleine: feste Schuhe einpacken, im Parkhaus am Busbahnhof abstellen und einfach die Friedrichstraße hinauflaufen, bis das Rauschen die Führung übernimmt.
Den Bio-Käse vom Windberghof bekommst du nicht spontan am Hof: Der Hofladen öffnet nur nach telefonischer Absprache unter 07672 481464. Von Anfang Mai bis Ende Oktober verkauft Familie Albrecht ihren Ziegen- und Kuhkäse sowie die Wurstwaren aber jeden Freitag zwischen 08:00 und 13:00 Uhr auf dem Wochenmarkt in St. Blasien auf dem Sparkassenvorplatz.