Stell dir vor, du stehst an der B315 oberhalb von Bonndorf, trittst über die Strasse, und mit dem ersten Schritt in den Wald verschwindet der Verkehrslärm. Stattdessen: ein Rauschen, das von unten heraufsteigt und immer lauter wird, je tiefer du absteigst. Die Lotenbachklamm holt dich sofort ab. Auf nur anderthalb Kilometern presst sie mehr Wasserfälle, moosgrüne Felsen und schmale Holzstege zusammen, als so mancher Tagesmarsch im offenen Tal zu bieten hat.
Was die Lotenbachklamm so besonders macht
Die Lotenbachklamm ist der wilde kleine Bruder der grossen Wutachschlucht. Ein gut anderthalb Kilometer langes, tief eingeschnittenes Kerbtal, das auf seinem letzten Stück alles gibt. Der Lotenbach entspringt weit oben in den waldreichen Hochmulden westlich von Bonndorf, auf rund 868 Metern Höhe, und plätschert dort zunächst gemächlich über die Hochebene. Doch dann kippt das Gelände weg. Auf dem letzten Kilometer stürzt der Bach mit knapp 208 Metern Höhenunterschied talwärts, bis er ganz unten bei der historischen Schattenmühle von rechts in die Wutach mündet.
Dieses enorme Gefälle ist der Grund, warum die Klamm so dramatisch wirkt. Während die Wutach nebenan im weichen Muschelkalk liegt, hat sich der Lotenbach in steinharten Granit gegraben. In den Felsen kannst du mit etwas Glück die porphyrischen Plagioklas-Kristalle entdecken, teils mehrere Zentimeter gross. Nach Starkregen oder bei der Schneeschmelze verwandelt sich der kleine Bach in einen reissenden Strom, der ganze Gesteinsblöcke talwärts wälzt. Die haushohen Granitbrocken, an denen du vorbeigehst, sind genau dieser Naturgewalt geschuldet. Hier formt sich der Schwarzwald noch heute, vor deinen Augen.








Hinter jeder Biegung wartet eine neue Kaskade, eine neue Brücke, ein neuer Blick. Langeweile hat in dieser Schlucht keine Chance.
Wasserfälle, Stege und uralter Granit
Das Wasser gibt in der Lotenbachklamm den Ton an, im Wortsinn. Überall stürzen kleine und grössere Kaskaden über Felskanten in tief ausgewaschene Tosbecken und Gumpen. Der sogenannte Mittlere Hauptfall ist eines der schönsten Fotomotive der Klamm, ein klassischer Stopp für jeden, der mit der Kamera unterwegs ist. Etwas versteckt rauscht ein namenloser Nebenbach über 30 Meter in die Tiefe und fällt durch seine hellen Kalksinterbildungen auf, ein geologischer Gegenspieler zum dunklen Granit ringsum.
Weiter Richtung Mündung passierst du den Mooswasserfall, auch Dietfurter Wasserfall genannt, der sich weich über dick bemooste Felskanten ergiesst. Dazwischen verkeilen sich umgestürzte, moosüberzogene Baumstämme zwischen den Felsen und schaffen eine fast urwaldartige Stimmung. Begehbar wird dieses steile Terrain überhaupt erst durch erstaunliche Wegebaukunst: Treppen sind in den Fels geschlagen, massive Holzstege führen dich über das tosende Wasser. Auf der Lotenbachbrücke stehst du dann mitten im Geschehen, direkt über den Wassermassen. Wer von hier weiter in die Wutachschlucht wandert, trifft als nächstes architektonisches Highlight auf den Fritz-Hockenjos-Steg.
Was dich auf dem Weg durch die Lotenbachklamm erwartet
Plane für die Lotenbachklamm-Wanderung kein Tagespensum ein, sondern ein kurzes, intensives Naturerlebnis. Die reine Strecke durch den spektakulärsten Teil beträgt etwa anderthalb Kilometer. Wer den offiziellen Rundweg geht, kommt auf gut drei Kilometer und braucht dafür entspannte rund 1 Stunde 10 Minuten, mit jeweils etwa 121 Höhenmetern bergauf und bergab. Vom oberen Parkplatz an der B315 hinab zur Schattenmühle bist du etwa 20 bis 40 Minuten unterwegs, der Rückweg bergauf ist steiler und fordert etwas mehr Kondition.
Was diese kurze Tour so eindrücklich macht, ist die Verdichtung. Der schmale Pfad bleibt fast immer feucht und schattig, selbst an heissen Sommertagen dringt kaum Sonne bis auf den Talgrund. Das Rauschen des Wassers schluckt jeden Strassenlärm, und zwischen bemoosten Bäumen und überhängenden Felsen fühlst du dich, als wärst du in einer eigenen, kühlen Welt unterwegs. Wer mehr will, hängt die Lotenbachklamm einfach als dramatischen Einstieg an eine grosse Tour durch die Wutachschlucht oder an den Fernwanderweg Schluchtensteig an. Und wer es fachkundig mag: In der Saison führen die Wutachranger kostenfrei durch das Naturschutzgebiet, eine ihrer Touren steigt zum Höhepunkt durch die Lotenbachklamm auf.
Mit Kindern, Hund und festem Schuhwerk
Für abenteuerlustige Familien ist die Klamm ein Glücksfall. Kinder ab etwa vier Jahren bewältigen die kurze Strecke gut, und langweilig wird es ihnen garantiert nicht: Hinter jeder Biegung wartet die nächste Kaskade oder Brücke, und an flacheren Stellen lädt der Bach zum Entdecken und Spielen am Ufer ein. Wichtig bleibt die wache Aufsicht der Eltern, denn die Wege sind naturbelassen, steil und haben hohe, unregelmässige Felsstufen, an Abbruchkanten ist bei Nässe Vorsicht geboten. Bei Starkregen oder Gewitter meidest du die Klamm besser ganz, dann drohen Murenabgänge und der Bachpegel kann innerhalb kurzer Zeit gefährlich schnell ansteigen.
Einen Kinderwagen oder Buggy lässt du dagegen besser im Auto, die Stufen und schmalen Felspfade blockieren jeden Rollwiderstand. Mit Kleinkind klappt es nur mit der Rückentrage. Dein Hund darf mit, angeleint und trittsicher, denn auch er muss hohe Felsstufen meistern und über Metallgitterroste sowie nasse Holzplanken. Und ganz egal, mit wem du kommst: Feste, knöchelhohe Wanderschuhe mit grobem Profil sind hier keine Stilfrage, sondern Pflicht. Selbst an trockenen Tagen bleibt der Fels durch die Gischt feucht, und glatte Sneaker werden auf dem moosigen Untergrund schnell zur Rutschpartie. Pack auch eine Jacke ein: Im tiefen Felseinschnitt ist es spürbar kühler als oben auf den sonnigen Höhen um Bonndorf.
Anfahrt, Parken und Bus
Du erreichst die Lotenbachklamm von zwei Seiten. Der obere Einstieg liegt am Wanderparkplatz Lotenbachklamm direkt an der B315 zwischen dem Bonndorfer Ortsteil Gündelwangen und dem Stadtkern, mit kostenfreien Stellplätzen und grossen Infotafeln des Naturparks. Der unübersehbare Einstieg in die Klamm liegt genau gegenüber auf der anderen Strassenseite. Wer lieber sportlich bergauf startet, parkt am unteren Einstieg beim Wanderparkplatz Schattenmühle, wo rund 55 kostenfreie Plätze, ein überdachter Wanderpavillon mit Infomaterial und das gleichnamige Gasthaus auf dich warten, das am unteren Ausstieg warme Küche und Getränke bis 22 Uhr serviert.
Du musst aber gar nicht mit dem Auto kommen. In der Wandersaison fährt der Wanderbus, vor allem die SBG-Linie 7344, eng getaktet zwischen Bonndorf, Schattenmühle, Wutachmühle und Holzschlag. Übernachtest du in einem der teilnehmenden KONUS-Orte und zahlst die Kurtaxe, bekommst du die KONUS-Gästekarte und fährst damit in fast allen Bussen und Nahverkehrsbahnen des Schwarzwalds gratis. So sparst du dir die Parkplatzsuche und kannst die Klamm bequem als lineare Strecke gehen, ohne zum Auto zurückzumüssen. Die Klamm selbst kostet übrigens keinen Cent, weder Eintritt noch Parkgebühr, weder für Erwachsene noch für Kinder.
Ausflugsziele in der Nähe
Weil die Lotenbachklamm so kurz ist, lässt sie sich wunderbar zu einem ganzen Tag ausbauen. Direkt an der Schattenmühle beginnt die gewaltige Wutachschlucht, einer der grössten Canyons Deutschlands, der deine Route beliebig verlängert. Familienfreundlich geht es in der benachbarten Gauchachschlucht mit ihrem Waldlehrpfad weiter, und wer noch eine weitere Schluchtenwanderung in der Umgebung sucht, dem ist die Rötenbachschlucht einen Abstecher wert. Wer Geschichte mag, steuert bei einer Rundwanderung ab der Schattenmühle die Ruine des einstigen Kurbads Bad Boll an.
Für den kulturellen Ausgleich liegt der Hauptort Bonndorf nur wenige Autominuten entfernt. Dort lockt das herrschaftliche Schloss Bonndorf mit seinem gepflegten Japanischen Garten und den überregional bekannten Narrenstuben, einer Sammlung originaler Masken und Larven der schwäbisch-alemannischen Fasnet. An heissen Hochsommertagen rundet das Bonndorfer Freibad den Tag erfrischend ab, und wer den Tag lieber am Wasser ausklingen lässt, findet in der weiteren Umgebung des Hochschwarzwalds mit dem aqua fun Schluchsee, dem BADEPARADIES SCHWARZWALD und dem Titisee-Rundweg gleich mehrere lohnende Ziele. Schnür also die Wanderschuhe, plane einen frühen Start ein und kombiniere die Klamm mit einem dieser Ziele, dann hast du einen Ausflug, der lange nachhallt.
Stand Juni 2026 ist der Weg durch die Lotenbachklamm nach schweren Sommerunwettern (unterspülte Pfade, Hangrutsche, Windbruch) von offizieller Seite bis auf Weiteres vollständig gesperrt. Prüfe vor der Anreise unbedingt die aktuellen Wegemeldungen des Schluchtensteigs. Erfreulich dagegen: Die Verbindungsstrasse L 170 durch die Wutachschlucht zur Schattenmühle ist nach langer Hangsicherung seit Anfang April 2026 wieder regulär für den Verkehr (bis 3,5 Tonnen) geöffnet.
Gut zu wissen
Komm früh. Wer in den ganz frühen Morgenstunden in die Klamm steigt, hat die schmalen Stege oft für sich allein, kann in Ruhe die Wasserfälle fotografieren und muss nicht ständig entgegenkommenden Gruppen ausweichen. Lass das Auto am besten an der Unterkunft stehen und nimm mit der KONUS-Gästekarte gratis den Wanderbus, dann sparst du dir die Parkplatzsuche und kannst die Klamm in eine Richtung durchwandern.