Stell dir vor, du lässt das Auto am Wanderparkplatz Burgmühlenweg stehen, gehst ein paar Schritte über eine schmale Wiese, und mit einem Mal kippt die Welt nach unten. Aus dem weiten Hochplateau der Baar wird ein tief eingeschnittenes Tal, in dem Wasser über Felsen springt und das Licht nur noch in grünen Flecken durch das Blätterdach fällt. Das ist die Gauchachschlucht: die wilde, kleine Schwester der berühmten Wutachschlucht, und ein Ort, an dem du fast für dich allein bist, während sich nebenan die Massen drängen.
Ein Riss durch 250 Millionen Jahre
Der Gauchachbach entspringt südlich von Oberbränd, plätschert erst gemächlich an Dittishausen und Döggingen vorbei und wird erst unterhalb von Döggingen zum reißenden Künstler. Hier hat er sich über Jahrtausende kaskadenartig in den Oberen Muschelkalk gefressen und dabei ein Fenster in eine andere Zeit aufgerissen. Das Gestein, durch das du wanderst, sind marine Ablagerungen aus der Germanischen Trias, einem Erdzeitalter, das Mitteleuropa vor etwa 250 bis 200 Millionen Jahren prägte.
Wenn du an den Felswänden genauer hinschaust, wanderst du durch ein versteinertes Meer. In den Schichten stecken Ceratiten, schalentragende Kopffüßer, dazu Brachiopoden und Trochiten, die versteinerten Stielglieder einstiger Seelilien. Weil die steilen Hänge jede wirtschaftliche Nutzung verhinderten, ist die Schlucht weitgehend naturnah geblieben. Schon 1939 wurde der Kernbereich als Naturschutzgebiet ausgewiesen, die strengste Schutzform im baden-württembergischen Naturschutzrecht. Du läufst also nicht durch irgendeinen Wald, sondern durch einen über 85 Jahre lang behüteten Schluchtwald.








Hier ist Wandern kein Spaziergang, sondern ein Balancieren über nasse Steine direkt am Wasser, unter überhängenden Felsen, in einem Tal ganz ohne Handyempfang.
In der Gauchachschlucht wandern: schmale Stege und ein leuchtend rotes Haus
Der schönste Weg, die Gauchachschlucht zu erwandern, ist der Genießerpfad, ausgezeichnet mit dem Deutschen Wandersiegel für Premium-Wanderwege. Als Rundweg misst er rund 5,6 Kilometer, für die reine Gehzeit veranschlagt man etwa 2,5 Stunden. Der Weg führt vom Hochplateau bei Mundelfingen auf etwa 670 bis 750 Metern Höhe steil hinunter in den feucht-kühlen Talgrund. Unten verjüngt sich die Route zu einem schmalen Steig, der zu 42 Prozent aus unbefestigten Naturpfaden besteht. Du läufst direkt am Wasserufer, balancierst über überspülte Steine und passierst enge, teils drahtseilgesicherte Abschnitte unter überhängenden Felswänden.
Mittendrin, im sogenannten Bachheimer Schluchtenviereck, steht das Naturfreundehaus Burgmühle, das einzige Ausflugslokal im Talgrund. Das leuchtend rote Haus wurde bereits 1475 urkundlich erwähnt und liegt komplett im Funkloch. Genau dieser fehlende Empfang ist der Grund, warum hier nur Bargeld zählt: Kartenlesegeräte funktionieren ohne Netz nicht. Plane also Münzen und Scheine für Kaffee, Biolimonade und ein warmes Essen ein, wenn du auf der Terrasse eine Rast einlegen willst. Geöffnet hat die Mühle nur in der wärmeren Jahreshälfte und witterungsabhängig, im Winter macht sie Pause.
Mühlen, Kapellen und ein überdachter Steg
Die Schlucht ist ein Freilichtmuseum, in dem Natur und Geschichte ineinandergreifen. Früher trieb der Bach drei Mühlen an: die Guggenmühle im sanfteren oberen Teil, dazu die Lochmühle und die Burgmühle tief im Tal. Die Lochmühle erinnert heute an die rohe Gewalt des Wassers. 1804 riss ein Hochwasser ihre Gebäude mit sich, drei Menschen ertranken, darunter ein siebenjähriger Junge. Der damalige Müller Mathias Oschwald errichtete daraufhin die Lochmühlekapelle am Zusammenfluss von Balgenbächle und Gauchach, eine Gedenktafel hält das Schicksal der nie gefundenen Opfer fest. 1895 besiegelte ein weiteres Hochwasser das endgültige Aus der Mühle.
Halte auch nach den Kalksinterterrassen Ausschau, einem feinen, hochsensiblen Naturphänomen: Stark kalkhaltiges Grundwasser tritt zutage, reagiert mit der Luft, und der ausfallende Kalksinter legt sich als stetig wachsende Kruste über Moose und Farne. Am Balgenbächle stürzt das Wasser über ungezählte kleine Kaskaden, bemooste Baumstämme und urwaldartige Flora schaffen hier die dichteste Dschungel-Atmosphäre der Tour. Wer Augen für Geschichte hat, findet im dichten Schluchtwald die kaum noch erkennbaren Mauerreste der Burgen Neuenburg und Grünburg. Den geografischen Schlusspunkt setzt der Kanadiersteg an der Mündung der Gauchach in die Wutach, eine mit Schindeln überdachte Holzbrücke, die 1976 von kanadischen Pionieren gebaut wurde.
Was du mitnimmst, wenn du den Aufstieg geschafft hast
Diese Tour ist ein Abenteuer für trittsichere Beine. Für Familien mit agilen Kindern ab dem frühen Grundschulalter ist die Schlucht ein großartiger Abenteuerspielplatz: Felsen, Wurzeln, glitschige Baumstämme über dem Bach, all das wirkt der Monotonie breiter Forstwege entgegen. Kleinere Kinder gehörst du an den abschüssigen und strömungsreichen Stellen aber fest an die Hand. Rüstige Senioren mit Wandererfahrung bekommen ein grandioses Landschaftserlebnis, für Menschen mit eingeschränkter Balance oder ohne Grundkondition ist das Gelände dagegen nichts.
Das Schönste an der Gauchachschlucht ist die Stille. Während sich an der Wutachschlucht an Spitzentagen Tausende drängen, hast du hier ein viel intimeres, ursprünglicheres Naturerlebnis. Ein Tipp für ungestörtes Wandern: Beginne die Runde am Wanderparkplatz Burgmühlenweg in Mundelfingen statt unten an der Wutachmühle. So läufst du dem Gegenverkehr auf den schmalen Simsen davon. Und wähle festes Schuhwerk mit tiefem Profil. Feuchter Keuperton und nasses Muschelkalkgestein verwandeln flache Sohlen in Rutschpartien.
Ausflugsziele in der Nähe
Die Lage im Bachheimer Schluchtenviereck macht die Gauchach zum perfekten Baustein für größere Touren. Ambitionierte Wanderer hängen sie an die Drei-Schluchten-Wanderung, einen knapp 10 Kilometer langen Rundkurs, der Gauchachschlucht, Wutachschlucht und Engeschlucht zu einem tagesfüllenden Erlebnis verbindet. Auch der Fernwanderweg Schluchtensteig kreuzt hier hindurch.
Suchst du nach der anstrengenden Schlucht ein Kontrastprogramm, hilft dir die KONUS-Gästekarte, die du als Übernachtungsgast mit Kurtaxe bekommst. Sie gilt als Freifahrtticket für Busse und Bahnen im ganzen Schwarzwald, sodass du bequem an die Ufer des Schluchsees oder Titisees fahren kannst. Einen Abstecher in der weiteren Umgebung wert sind der Windgfällweiher und der Schlüchtsee & Schlühüwanapark, und ebenso erreichbar sind Tatzmania und das Erlebnismuseum Schwarzwaldhaus der Sinne. Oder du gönnst dir einen nostalgischen Ausflug mit der Sauschwänzlebahn ab Blumberg. Pack die Wanderschuhe ein, lade Karte und Fahrplan offline aufs Handy, und mach dich auf den Weg in eines der stillsten Täler des Hochschwarzwalds.
Die Burgmühle befindet sich in einer Übergangsphase: Seit Januar 2020 ist sie nicht mehr im Eigentum des NaturFreundeverbandes und dient derzeit rein als Tagesgastronomie. Die einstigen Schlafplätze sind wegen baulicher Mängel und Brandschutz gesperrt, ein Umbau auf 30 bis 35 Betten ist geplant. Wege können nach Schneeschmelze oder schweren Gewittern temporär gesperrt sein. Aktuelle Sperrungen kommuniziert der Schwarzwaldverein Donaueschingen.
Gut zu wissen
Starte die Runde antizyklisch am Wanderparkplatz Burgmühlenweg in Mundelfingen statt unten an der Wutachmühle. So entgehst du dem Gegenverkehr auf den schmalen Felssimsen und hast die Gauchachschlucht über weite Strecken für dich. Pack genügend Bargeld für die Burgmühle ein und plane den Besuch nach mehreren trockenen Tagen, damit die Stege nicht zur Rutschbahn werden.