Ein stiller Saal, und ringsum tickt es leise aus hundert Werken. Ein Pendel schwingt, irgendwo schlägt eine Standuhr zur vollen Stunde, und aus einem geschnitzten Türchen ruft ein hölzerner Kuckuck. So klang es im Deutschen Uhrenmuseum in Furtwangen bis zur Schließung im August 2024. Die Sammlung zählt mehr als 8.000 Objekte aus aller Welt und ist während der Generalsanierung ausgelagert. Jedes dieser Stücke erzählt dieselbe verblüffende Geschichte: wie aus einem abgelegenen Hochtal eine Industrie wurde, die der halben Welt die Zeit ins Wohnzimmer hängte.
Wie aus langen Wintern eine Weltindustrie wurde
Es beginnt mit dem Schnee. In den langen Wintermonaten, als auf den Höfen des Schwarzwalds wenig zu tun war, schnitzten die Bauern einfache Holzuhren mit einem einzigen Zeiger. Was als Nebenerwerb gegen die karge Landwirtschaft gedacht war, wuchs zu einem freien Gewerbe, das bald in ganz Mitteleuropa Käufer fand. Doch Mitte des 19. Jahrhunderts geriet dieses Handwerk durch die Industrialisierung in eine schwere Krise. Der badische Staat griff ein und gründete 1850 in Furtwangen die erste deutsche Uhrmacherschule. Ihr erster Direktor war Robert Gerwig, ein Ingenieur und Eisenbahnbauer, der die Schwarzwälder Uhrmacherkunst nicht nur als Wirtschaftszweig sah, sondern als Erbe, das es zu bewahren galt.
Gerwig erkannte schnell, dass eine gute Ausbildung beste Anschauungsstücke braucht. 1852 rief er die Uhrmacher auf, ihm alte und bedeutsame Uhren zu schicken. Das war die Geburtsstunde der Sammlung, zunächst als reine Lehrsammlung für die Schule. Bis heute ist das Museum eng mit der Hochschule verbunden, es gehört zur Hochschule Furtwangen University. Ein Schlüsselmoment kam 1975: Als die wertvolle Privatsammlung des Fabrikanten Hellmut Kienzle versteigert zu werden drohte, kaufte das Land Baden-Württemberg rund 1.500 internationale Kostbarkeiten an, darunter prunkvolle Renaissance- und Barockuhren, und gliederte sie in Furtwangen ein. Der Bestand umfasst über 8.000 Objekte, und vor der Sanierung waren im modernen Bau am Robert-Gerwig-Platz rund tausend davon ausgestellt.





Mehr als 8.000 Objekte aus aller Welt. Und der Ort, an dem die Kuckucksuhr ihr berühmtes Gesicht bekam.
Drei Stücke aus der Sammlung
Da ist zuerst die astronomische Kunstuhr, die Pater Thaddäus Rinderle aus dem Kloster St. Peter im Jahr 1787 baute. Das kunstvoll bemalte Schild wird dem Künstler Matthias Faller zugeschrieben. Im Zentrum des Zifferblatts dreht sich die Erde, und mit nur vier Räderpaaren zeigt das Werk den Auf- und Untergang der Sonne, den Wechsel der Jahreszeiten, das Zu- und Abnehmen des Mondes, sogar die seltenen Mond- und Sonnenfinsternisse. Rinderle wollte etwas bauen, das andere leicht nachmachen können, doch sein Stück blieb ein unerreichtes Einzelstück. Seit 1859 gehört es zur Furtwanger Sammlung.
Dann die Geburtsstunde eines Welterfolgs. 1850 fielen die Preise für Schwarzwälder Holzuhren, und Robert Gerwig schrieb einen Wettbewerb für ein neues Uhrengehäuse aus. Gewinner wurde der Karlsruher Architekt Friedrich Eisenlohr, der eigentlich Bahnhöfe und Wärterhäuschen für die Badische Staatseisenbahn entwarf. Er übertrug das charmante Bahnwärterhäuschen auf die Uhr, mit Zifferblatt und Efeuranken. Der Kuckuck fehlte in diesen ersten Skizzen noch ganz. Erst als man das Bahnhäusle mit der alten Rufmechanik kombinierte, entstand das Gesicht, das heute jeder auf der Welt als Kuckucksuhr erkennt.
Und schließlich die Lackschilduhr, die Historiker den VW-Käfer unter den Uhren nennen. Allein in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden 15 Millionen Stück gefertigt und bis nach Frankreich, England, ins Osmanische Reich und sogar nach China verkauft. Auf den hölzernen Schildern blühen Blumen, stehen Mühlen und Schwarzwaldhäuser, und weil die Maler ihre Motive den Zielmärkten anpassten, findest du darauf gelegentlich auch exotische Tiere wie Giraffen. Ein Höhepunkt ist eine geschlossene Gruppe von rund 80 Lackschilduhren, die die Sammlerin Brigitte Billing zwischen 1962 und 1970 als Dachbodenfunde rettete, bevor die große Nostalgiewelle einsetzte.
Wie die Führungen klangen
Das Schönste an diesem Museum hörte man, statt es nur zu sehen. Vor der Schließung setzten die Mitarbeitenden bei den Führungen ausgewählte historische Uhren und mechanische Musikinstrumente in Gang, und die Geschichte der Zeit wurde hörbar. Gruppenführungen gab es auf Deutsch, Englisch und Französisch, eine Führung dauerte 45 bis 60 Minuten.
Die Dauerausstellung spannt einen großen Bogen. Sie beginnt bei den Sonnenuhren, die bis um 1800 nötig waren, um die noch unzuverlässigen mechanischen Uhren immer wieder nachzustellen. Weiter geht es zu den ersten Räderuhren um 1300, dann in den Raum der Pendeluhren, deren Erfindung es Naturforschern erstmals erlaubte, die Zeit genau zu messen und Experimente nachvollziehbar zu machen. Am Ende steht die Moderne: Küchenwecker und Stechuhren um 1900, die erste funkgesteuerte Armbanduhr von Junghans und die Atomuhren, die heute unsere weltweit vernetzte Zeit takten. Kein Wunder, dass die Uhr hier als die Schlüsselmaschine des Industriezeitalters gilt.
Was Familien heute im StattMuseum finden
Uhrmacherei klingt nach trockener Technik, und das StattMuseum macht daraus etwas zum Anfassen. Für Kinder der Klassen 3 bis 7 gibt es dort den kostenfreien KinderClub „Finn's Freunde“. Wer selbst Hand anlegen will, baut im Do-it-yourself-Workshop eine eigene Kuckucksuhr und plant dafür etwa 2,5 Stunden ein.
Das Haus denkt dabei an alle: Der KinderClub steht ausdrücklich auch Kindern mit Behinderung offen, und mit „Einfach Mensch“ gibt es im StattMuseum einen inklusiven Workshoptreff. Weil sich alles in geschlossenen Räumen abspielt, passt das StattMuseum außerdem gut zu den Tagen, an denen der Schwarzwald im Regen versinkt. Du verbindest Kultur, Technik und ein bisschen Staunen, ganz ohne auf gutes Wetter angewiesen zu sein.
Ausflugsziele in der Nähe
Furtwangen liegt mitten im oberen Bregtal, und rundherum findest du genug, um daraus einen ganzen Tag zu machen. Am Kolmenhof bei Furtwangen entspringt die Breg, der größere Quellfluss der Donau. Eine Bronzestatue des Flussgottes Danuvius wacht über die Quelle, und direkt daneben liegt ein Spielplatz. Wer hoch hinaus will, wandert auf den 1.149 Meter hohen Brend, Furtwangens Hausberg, wo der Blick vom Brendturm aus Granitstein über Feldberg und Belchen reicht, bei guter Sicht bis zu den Vogesen und den Alpen.
Und wenn dich nach all den feinen Räderwerken die große, grobe Mechanik lockt, fahr zur Hexenlochmühle, die romantisch im Hexenloch zwischen St. Märgen und Furtwangen liegt. Sie ist die einzige Mühle im Schwarzwald mit zwei Wasserrädern, angetrieben vom Heubach. Starte mit dem StattMuseum, schnapp dir danach Quelle, Turm oder Mühle, und du hast einen Tag, der von der feinsten Mechanik bis zum rauschenden Mühlrad alles zeigt, was diese Region ausmacht.
Aktueller Hinweis: Das Museumsgebäude am Robert-Gerwig-Platz 1 ist seit August 2024 wegen einer Generalsanierung geschlossen, laut Museum bis 2027; einen festen Termin für die Wiedereröffnung gibt es noch nicht. Ausstellungsstücke und Depot sind ausgelagert. Stattdessen läuft im StattMuseum in der Friedrichstraße 3 ein Ersatzprogramm. Jeden Donnerstag von 10 bis 16 Uhr kannst du ohne Anmeldung vorbeischauen. Im Workshop baust du deine eigene Kuckucksuhr aus einem Bausatz mit geschnitztem Uhrenschild und Quarzuhrwerk. Dafür solltest du etwa 2,5 Stunden einplanen, der Workshop kostet 50 Euro pro Person inklusive Material, und ein Termin wird vorab telefonisch unter 07723 9202800 gebucht.
Gut zu wissen
Solange das Uhrenmuseum geschlossen ist, nutzt du die Hochschwarzwald Card im StattMuseum: Der Do-it-yourself-Workshop Kuckucksuhr ist damit einmalig frei, sonst kostet er 50 Euro pro Person. Mit Card geht das nur nach Voranmeldung, ruf dafür vorab unter 07723 9202800 an.