Du legst den Rucksack auf die Bank vor der Baumannshütte, drehst dich um und legst den Kopf in den Nacken. Vier mächtige Douglasienstämme steigen vor dir auf, dazwischen zieht sich eine offene Stahltreppe nach oben, immer fünf Stufen, dann ein Podest. Der Riesenbühlturm misst 36,5 Meter, die Aussichtsplattform liegt 25 Meter über dem Boden, und von dort oben siehst du den Schluchsee zum ersten Mal ganz. 140 Stufen trennen dich noch davon.
140 Stufen, 27 Podeste: der Aufstieg auf den Riesenbühlturm
Zwischen den vier Douglasienstämmen, die die Außenkanten markieren, versteckt sich die eigentliche Überraschung: eine völlig offene Stahltreppe. Vier massive Streben laufen ununterbrochen vom Fundament bis zur Plattform, daran führt die Treppe nach oben. 140 Gitterstufen sind es, getaktet wie ein Metronom, nach jeweils fünf Tritten kommt eines von 27 Zwischenpodesten. Du steigst also nie lange am Stück, sondern in kleinen Portionen mit eingebauter Verschnaufpause.
Was den Aufstieg besonders macht, ist der fehlende Sichtschutz nach unten. Durch die Gitterroste siehst du den Waldboden die ganze Zeit unter dir wegsacken. Wer zu leichter Höhenangst neigt, fixiert den Blick konsequent auf die nächste Stufe oder auf die Horizontlinie und schaut nicht zwischen den Schuhspitzen hindurch. Meistens reicht das. Kinder ab dem Kindergartenalter nehmen die Sache ohnehin sportlich: Der Weg hinauf geht über Stock und Stein statt über Asphalt, und ein Holz-Stahl-Gerüst zu erklimmen fühlt sich für sie nach Abenteuer an.
Zwei Dinge klärst du besser vorher. Hunde bleiben unten, die weitmaschigen, scharfkantigen Stahlgitterroste schneiden in die Pfotenballen. Und das Wetter redet mit: Bei Regen, Gewitter oder extremer winterlicher Witterung wird von einem Besuch abgeraten. Nasse Gitterstufen werden rutschig, und eine Konstruktion aus Stahl und Holz auf einem 1.095 Meter hohen Gipfel ist bei aufziehender Gewitterfront der denkbar schlechteste Aufenthaltsort. Die Kanzel ganz oben ist zwar überdacht, ein sicherer Schutzraum ist sie nicht.







Gut zu wissen
Oben auf der Kanzel wird der Schluchsee plötzlich ganz
Dann stehst du oben, und der Blick klappt auf. Die Plattform misst 8,60 mal 8,60 Meter, der Gipfel liegt auf 1.095,2 Metern über Normalhöhennull. Weil der Turm die Baumgrenze deutlich überragt, gibt es keine Lücke im Rundblick: 360 Grad, ohne Ast, ohne Wipfel, ohne Ausrede.
Nach Süden liegt der Schluchsee. Vom Ufer aus nimmst du immer nur einen Ausschnitt wahr, von hier oben siehst du zum ersten Mal, wie groß der größte See des Schwarzwaldes wirklich ist. Zur anderen Seite überblickst du das gesamte Fischbachtal. Eine Panoramatafel hilft beim Sortieren der Kuppen und Täler, und bei klarer Sicht oder einer Inversionswetterlage reicht der Blick bis zu den Gipfeln der Schweizer Alpen.
Für die Kamera sind die frühen Morgenstunden und der beginnende Sonnenuntergang die dankbarste Zeit, mit etwas Glück steht das Alpenglühen am Horizont. Plane für den Turm 30 bis 45 Minuten ein, Aufstieg, Panorama und Rast zusammengenommen. Dafür steht unmittelbar vor der Turmanlage die Baumannshütte, eine offene Schutzhütte aus Holz, dazu fest installierte Bänke und Tische. Verpflegung bringst du mit, einen Kiosk gibt es hier oben nicht. Und wer lieber sucht als schaut: Die Bergkuppe ist ein beliebtes Geocaching-Revier.
Viele suchen oben die Alpen vergeblich, weil sie sich von der Panoramatafel leiten lassen und starr geradeaus über den Schluchsee blicken. Die Alpenflanken liegen leicht versetzt, über die linke Ecke der Tafel hinaus. Wer den Blickwinkel entsprechend anpasst, wird bei klarem Wetter mit der Fernsicht belohnt.
Freiburger Holz, von Bürgern selbst geschlagen
Der Riesenbühl war lange vor dem heutigen Bauwerk ein Aussichtsplatz. 1931 stellte man hier einen ersten, etwa 25 Meter hohen Turm aus Holz auf. Im April 1945 riss ihn ein schwerer Sturm vollständig um. Ein Anlauf zum Wiederaufbau in den späten 1970er Jahren verlief im Sand, erst 1999 griff die Gemeinde Schluchsee die Idee wieder auf. Am 21. Oktober 2001 wurde der heutige Turm eingeweiht.
Das Schönste an dieser Geschichte steckt im Material. Das Bauholz war ein Geschenk der Stadt Freiburg an die Gemeinde, geschlagen haben es Freiwillige in einer gemeinsamen Aktion selbst. Rund 65 Tonnen ruhen heute auf einem Stahlbetonfundament, das mit Felsankern tief im Berg sitzt. Die vier Ecken bilden mächtige Stämme der Douglasie, bewusst gewählt, weil dieses Holz den Schwarzwaldstürmen besonders gut widersteht. Auf 20 Metern Höhe fächern die Stützen aus und tragen die Plattform aus Douglasienholz.
Wartungsfrei ist so ein Bauwerk nicht: Im Sommer 2011 mussten die Querriegel saniert werden, weil sich nach Jahren aus Regen, Schnee, Eis und praller Sonne Pilzbefall im Holz eingenistet hatte. Seither gilt die Substanz als stabil, Schließungen oder Umbauten sind nicht angekündigt. Und weil Gemeinde und Bürgerschaft den Turm tragen, kostet er bis heute keinen Cent Eintritt.
Mit dem Auto bis zum Sportplatz, dann zwanzig Minuten Wald
Schluchsee erreichst du über die B500, die von Waldshut-Tiengen im Süden und von Titisee-Neustadt im Norden direkt in den Ort führt. Bis an den Turm heran kommst du damit nicht: In den Wäldern des Riesenbühls ist der motorisierte Verkehr untersagt, das letzte Stück gehört den eigenen Füßen. Die Wahl des Parkplatzes entscheidet deshalb, ob aus dem Ausflug eine kurze Waldrunde oder eine Halbtagestour wird.
Die kürzeste Variante beginnt am kostenfreien Wanderparkplatz am Sportplatz in der Dresselbacher Straße 33: Von dort sind es nur rund zwanzig Minuten bergauf bis zur Baumannshütte am Fuß des Turms. Für Familien mit kleineren Kindern ist das die entspannteste Lösung. Wer länger unterwegs sein will, stellt den Wagen am Parkplatz Eschenweg ab (etwa 1,2 Kilometer, rund 45 Minuten Fußweg) oder in der Tiefgarage im Kurhaus (etwa 1,5 Kilometer, ebenfalls rund 45 Minuten). An Tagen mit viel Betrieb fängt der Großraumparkplatz an der Schluchseehalle den Andrang ab, vom Parkplatz am Bahnhof sind es rund zwei Kilometer.
Ohne Auto geht es genauso gut. Die Dreiseenbahn verbindet den Bahnhof Schluchsee getaktet mit Freiburg im Breisgau und mit Seebrugg, eine lokale Buslinie hält am Rathaus Schluchsee. Übernachtest du in einer teilnehmenden Schwarzwald-Gemeinde und zahlst Kurtaxe, bekommst du von deinem Gastgeber automatisch die KONUS-Gästekarte. Sie gilt im teilnehmenden Netz für Busse und Nahverkehrszüge in der 2. Klasse, Fernzüge wie IC und ICE sind ausgenommen. Damit erledigt sich die Parkplatzfrage von selbst.
Was sich in der Nähe noch lohnt
Turm und Wanderung füllen einen halben Tag, je nach Route zwei bis drei Stunden. Der Rest des Tages liegt unten am Wasser: Auf dem Schluchsee fährt das Kursschiff MS Schluchsee, und an heißen Tagen ist das aqua fun Schluchsee direkt am Ufer nur wenige Minuten entfernt. Wer nach dem ruhigen Waldstück Betrieb braucht, findet den Spaßpark Hochschwarzwald wenige hundert Meter vom Ortszentrum entfernt, einen entspannten Ausklang bietet Minigolf Schluchsee im Ort. Und wer noch Höhenmeter übrig hat, hängt den Jägersteig Schluchsee an.
Am Turm selbst gibt es keine Bewirtung, unten in Schluchsee dagegen reichlich, vom Kurhaus Restaurant Schwarzwaldstube bis zum Café am See. Pack also für den Berg ein Vesper ein, plane den Kuchen für danach und starte an einem klaren Morgen am Sportplatz. Weder Kasse noch Öffnungszeiten funken dir dazwischen. Du musst nur hin.