Zieh die Schuhe aus und stell dir vor, wie sich kühles Moos, danach spitze Steine und schließlich weiche Tannenzapfen unter deinen nackten Fußsohlen anfühlen. Genau das ist der erste Moment, in dem der Naturerlebnispfad Hinterzarten aufhört, ein Wanderweg zu sein, und anfängt, ein Abenteuer zu werden. Ein kleiner Waldwichtel namens Evernius Flechtel führt dich hier durch den Wald, und ehe du dich versiehst, klopfst du an einen Baumstamm und lauschst, ob am anderen Ende wirklich jemand antwortet.
Ein Waldwichtel zeigt dir den Naturerlebnispfad Hinterzarten
Hinter dem Kurhaus in Hinterzarten beginnt ein Weg, der die Natur nicht bloß zeigt, sondern begreifbar macht. Seit dem Jahr 2000 führt der Naturerlebnispfad Hinterzarten auf rund dreieinhalb bis vier Kilometern durch Wald, über Bachläufe und hinauf zu weiten Aussichten. Die Idee dahinter ist so einfach wie clever: Wer den Schwarzwald verstehen will, soll ihn hören, riechen, ertasten und erklettern, nicht nur betrachten. Als roter Faden zieht sich Evernius Flechtel durch die Stationen, ein stilisiertes Waldwichtelmännchen, das gerade Kindern die Geheimnisse von Bäumen, Tieren und Gestein erklärt.
Der Ort passt zu dieser Haltung. Hinterzarten wurde 1964 zum heilklimatischen Kurort ernannt, und wo früher der ruhige Kurspaziergang stand, lädt heute ein aktiver Pfad zum Mitmachen ein. Die Gemeinde liegt auf knapp 900 Metern, geformt von eiszeitlichen Gletschern, die auch die Hochmoore und den nahen Titisee hinterlassen haben. Dieses Erbe spürst du unter jedem Schritt, und der Pfad macht daraus ein Erlebnis für die ganze Familie.








Baumtelefon, Dendrophon und ein Barfußparcours
Der erste Abschnitt, exakt anderthalb Kilometer lang, ist eine dichte Folge von Sinnesstationen. Am Baum-Memory ordnest du heimische Holzarten einander zu, am Baumtelefon erfährst du, wie erstaunlich gut ein Holzstamm den Schall leitet. Ein paar Schritte weiter hängt das Dendrophon, ein freihängendes Stabspiel aus verschiedenen Hölzern. Schlag die Klangstäbe an, und du hörst, wie unterschiedlich Baumarten klingen, jede mit ihrer eigenen Resonanz. Durch Blickröhren und bunte Glasscheiben siehst du den vertrauten Wald plötzlich in fremden Farben.
Dann wird es sportlich. Im Hindernislauf, der treffend das Motto durch dick und dünn trägt, kriechst du durch einen lebendig gewachsenen Weidentunnel. Auf dem Wandelstamm und über Seilbrücken hältst du die Balance, an Seilen hangelst du dich über kleine Bachläufe, und ein Kletterhaus aus dicken Wurzeln macht das Totholz der Region zur Spiellandschaft. Wer heiße Füße hat, taucht sie in die Kneipp-Tretanlage, die direkt an die alte Gesundheitstradition des Kurorts anknüpft.
Hier ziehst du die Schuhe aus, klopfst an Bäume und lässt dich vom Wald überraschen, statt ihn nur zu durchqueren.
Vom Scheibenfelsen zur Adlerschanze
Sobald der zweite, rund zwei Kilometer lange Abschnitt beginnt, wechselt der Pfad die Tonlage. Aus der feinen Nahsicht wird die große Weitsicht. Der Weg steigt steiler an, wird schmaler und unbefestigt, und belohnt dich mit Panoramablicken über den Schwarzwald. Er führt hinauf zum Scheibenfelsen und weiter zum Schanzenturm der berühmten Adlerschanze. Diese Skisprunganlage steht seit 1924 und gilt als sportliches Herz der Gemeinde. Mit etwas Glück siehst du hier Profi-Athleten beim sommerlichen Sprungtraining.
Den ruhigen Abschluss bildet der Adlerweiher, ein idyllisches Biotop mit einem kleinen Wildtiergehege gleich nebenan. Hier lohnt sich das stille Beobachten. Am Ufer warten Himmelsliegen und massive Picknicktische, und ein zweiter, gut ausgestatteter Spielplatz lässt die Kinder toben, während du die Beine ausstreckst. Insgesamt überwindest du auf der Runde etwa 125 bis 127 Höhenmeter, und wer sich Zeit für Klettern, Keschern und Rast nimmt, ist zweieinhalb bis drei Stunden unterwegs.
Was du mitnimmst, wenn du dir Zeit lässt
Der ganze Reiz dieses Weges liegt im Verweilen. Er ist so gebaut, dass er dich entschleunigt: Du ziehst die Schuhe aus, um über feuchtes Moos und steinigen Grund zu balancieren, du ertastest Rinde, du horchst auf das Nachklingen eines Stamms. Dinge, die du bei einer normalen Wanderung glatt übersehen würdest, rücken hier in den Mittelpunkt. Für Kinder ist das ein Fest, für Erwachsene eine kleine Auszeit vom Tempo des Alltags.
Wer noch tiefer eintauchen will, leiht in der Tourist-Information am Kurhaus den Naturforscher-Rucksack aus, gegen fünf Euro Gebühr und fünfzig Euro Kaution. Darin stecken Becherlupe, Fernglas, Kescher, Kompass, eine Schatztasche und ein Naturforscherbuch. Damit wird aus dem Spaziergang eine echte Expedition: Am Bach keschert dein Kind nach Bachflohkrebsen, untersucht sie kurz in der Becherlupe und setzt sie danach unversehrt zurück. Entlang der Strecke gibt es außerdem QR-Codes für den Wälderfuchs-Sammelpass, die als Foto- und Kontrollstationen dienen und Kinder anspornen, den ganzen Weg zu schaffen.
Der erste Teil ist für alle da
Das Durchdachteste an diesem Pfad ist seine Zweiteilung. Der erste Abschnitt verläuft nahezu ebenerdig auf festem Untergrund und ist vollständig kinderwagen- und rollstuhlgerecht. Familien mit Kleinkindern, Senioren und Menschen mit Bewegungseinschränkung erleben hier die dichteste Folge an Stationen, samt zahlreicher Sitzbänke zum Ausruhen. Am Ende von Teil eins bringt dich eine ausgeschilderte Abkürzung bequem zurück zum Spielplatz hinter dem Kurhaus, ganz ohne den anstrengenden Aufstieg.
Nur wer will, geht weiter in den zweiten, sportlicheren Teil. So findet jeder seinen Weg, und niemand bleibt außen vor. Wichtig zu wissen: Der Pfad lebt vom Anfassen, Barfußlaufen und Balancieren, deshalb ist er nichts für Regentage oder feucht-kaltes Wetter. Dann werden Seile und Holz rutschig, die Trampelpfade verschlammen. Auch der Winter ist keine Zeit für den Pfad: Die naturbelassenen Wege werden nicht geräumt, einen Winterdienst gibt es nicht, und bei Frost sind Barfußparcours, Kneipp-Anlage und Balancierstationen gesperrt oder schlicht gefährlich. Praktisch nutzbar ist die Anlage daher von Mai bis Oktober, von November bis in den April ruht sie. An heißen Sommertagen dagegen spielt sie ihre Stärke aus, weil ein großer Teil der Strecke unter schattigem Kronendach verläuft.
Ein Erlebnis, das du auf keinem Schild findest, wartet im kleinen Wald hinter dem Kurhaus: Das Herchenwäldle, von Einheimischen längst nur noch Eichhörnchenwald genannt, liegt direkt am Pfad. Die Eichhörnchen hier flüchten nicht, sondern kommen neugierig bis auf wenige Schritte heran, manche nehmen eine Haselnuss direkt aus der Hand. Halte den Besuch trotzdem ruhig und geduldig, dann zeigen sich die Tiere von ganz allein.
Ausflugsziele in der Nähe
Direkt am zweiten Streckenabschnitt liegt das Schwarzwälder Skimuseum im historischen Hugenhof, das die frühe Geschichte des Wintersports zeigt und bei plötzlichem Regen die perfekte überdachte Ausweichmöglichkeit ist. Familienfreundlich geht es im Spielzeugmuseum Zum kleinen Hannes weiter. Wer noch Kraft in den Beinen hat, wandert von Hinterzarten durch das malerische Löffeltal zur wildromantischen Ravennaschlucht mit ihren tosenden Wasserfällen und dem gewaltigen Eisenbahnviadukt. Am nahen Titisee laden der Titisee-Rundweg und die Bootsrundfahrten Drubba Titisee zu einem Abstecher ein, und mit dem BADEPARADIES SCHWARZWALD wartet ein weiteres beliebtes Ausflugsziel ganz in der Nähe. Zum Abschluss locken im Ort das Café Fräulein Me mit hausgemachtem Eis und die Café-Konditorei Abel Unmüßig. Pack am besten heute die Wanderschuhe und die Badesachen für die Kneipp-Anlage ein und plane einen ganzen Vormittag ein, dann erlebst du den Pfad in seiner schönsten Ruhe.
Gut zu wissen
Starte am frühen Vormittag. In den Sommerferien sind die Parkplätze am Kurhaus schnell voll, und an den leisen Stationen wie Dendrophon und Baumtelefon genießt du früh die Ruhe. Spar dir das Picknick für den Adlerweiher ganz am Ende auf: Dort warten Himmelsliegen und Picknicktische, während die Kinder den Spielplatz erobern.