Stell dir vor, du stehst an der Seestraße in Titisee, die Fußgängerzone summt hinter dir, und vor dir liegt der See still und tiefdunkel da. Am Steg wartet ein Schiff, das hierher so gar nicht zu passen scheint: eine römische Galeere, hoch aufgebaut, mit geschwungenem Bug. Du steigst ein, der Elektromotor surrt fast lautlos los, und während das Ufer zurückweicht, beginnt der Kapitän zu erzählen. Von einer versunkenen Stadt, die unten im dunklen Wasser schlummern soll. Genau hier, auf dem Wasser, fängt der Titisee an, eine andere Geschichte zu erzählen als die der Souvenirläden an Land.
Die Galeere, die einen Kaiser im Namen trägt
Das Flaggschiff der Drubba-Flotte heißt Titus, und der Name ist kein Zufall. Der Legende nach soll der römische Feldherr Titus Flavius Vespasianus während eines Feldzugs in Germanien am Ufer dieses Sees sein Lager aufgeschlagen haben, fasziniert von der Schönheit des Gewässers, dem er den Namen Titunsee gegeben haben soll. Daraus wurde über die Jahrhunderte der Titisee. Das Schiff, das diese Geschichte aufgreift, ist ein detailgetreuer Nachbau einer historischen Galeere, gebaut 1980 in der renommierten Bodan-Werft am Bodensee, 16 Meter lang, vier Meter breit und für bis zu 80 Passagiere zugelassen.
Neben der Titus zieht ein zweites großes Schiff seine Bahnen: die Götz von Berlichingen. Sie setzt weniger auf historische Kulisse als auf Aussicht. Große Panorama-Fenster und ein offenes Sonnendeck geben dir den Rundumblick auf die bewaldeten Hügel, die Uferpromenade und das Wasser, das je nach Licht silbern oder fast schwarz schimmert. Eine Rundfahrt dauert etwa 25 Minuten, und in dieser knappen halben Stunde wird der Kapitän zum Reiseleiter: Er erzählt über Bordlautsprecher von der Geologie des Sees, von Flora und Fauna, von den Mythen der Region. Die Geschichte der versunkenen Stadt darf dabei nie fehlen.






Ein See, der vor 10.000 Jahren von einem Gletscher ausgehobelt wurde, und ein Schiff, das so tut, als wäre es aus der Römerzeit übrig geblieben.
Ein See aus der Eiszeit, ein Betrieb aus dem Jahr 1956
Der Titisee ist kein Stausee und kein Badeteich, sondern ein echter Natursee von rund 1,3 Quadratkilometern Fläche. Sein Becken wurde vor etwa 10.000 Jahren von den Eismassen des Feldberggletschers geformt. Gespeist wird er von klarem Feldseewasser in Trinkwasserqualität, und schon im Jahr 1050 taucht er urkundlich auf, beschrieben als Gewässer von unmerkbarer Tiefe und unermesslicher Schönheit. Wer hier über das Wasser gleitet, bewegt sich also durch eine sehr alte Landschaft.
Der Bootsbetrieb selbst ist jünger, hat aber auch schon seine eigene Geschichte. 1956 eröffneten Ursula und Klaus Drubba einen kleinen Kiosk direkt am Ufer und starteten kurz darauf mit einer ersten Bootsvermietung. Als der Tourismus 1973 spürbar anzog, wurde aus dem Kiosk ein Restaurant, und zwei große Passagierschiffe kamen dazu. Heute führt die zweite Generation den Betrieb. Auffällig ist das konsequente Bekenntnis zum Schutz des Sees: Um die Wasserqualität zu schonen, fährt die Flotte inzwischen ausnahmslos mit umweltfreundlichen Elektromotoren, und 2018 wurde die komplette Steganlage erneuert. Genau deshalb gleitest du heute so leise über das Wasser.
Selbst ans Steuer: Donuts, Yachten und Sunboats
Wenn dir die festen Fahrpläne der großen Schiffe zu starr sind, übernimmst du einfach selbst das Ruder. Die Mietboot-Flotte für Selbstfahrer ist erstaunlich vielfältig. Der heimliche Star sind die Family-Donuts: kreisrunde Schlauchboote für bis zu zehn Personen, ausgelegt auf Geselligkeit. Du kannst sie mit einem Grill in der Mitte für ein Barbecue auf dem Wasser mieten oder mit einem vorbereiteten Picknick-Paket, etwa Canapés mit regionalem Schwarzwälder Schinken, Forellenfilet und Käse. Privatsphäre und regionale Küche, mitten auf dem See.
Für ruhigere Stunden gibt es Alternativen. Die Elektroyachten, vom Betrieb als Königin unter den Booten bezeichnet, bieten Platz für bis zu vier Personen. Die Sunboats setzen mit ihrer integrierten Liegefläche ganz auf entspanntes Sonnenbaden, ebenfalls für bis zu vier Leute. Und der Titisee-Cruiser für bis zu fünf Personen hat einen praktischen Vorteil: ein festes Dach, das an heißen Tagen Schatten spendet und bei plötzlichem Nieselregen schützt. Eines solltest du wissen, bevor du losfährst: Reservieren kannst du diese Boote im normalen Tagesgeschäft nicht. Hier gilt: Wer zuerst kommt, fährt zuerst. Kostenlose Schwimmwesten hält das Personal vor Ort bereit, für Erwachsene und für Kinder ab fünf Kilogramm Körpergewicht.
Was du auf dem Wasser mitnimmst
Eine Bootsfahrt auf dem Titisee ist eines dieser Erlebnisse, die über Generationen hinweg funktionieren. Großeltern genießen die Landschaft ohne jede Anstrengung, Kinder lauschen den Geschichten des Kapitäns, und du selbst lehnst dich einfach zurück und schaust zu, wie der Schwarzwald langsam an dir vorbeizieht. Die großen Schiffe sind bei ausreichendem Wasserstand auch für Rollstuhlfahrer zugänglich, was die Fahrt zu einem echten Ausflug für alle macht.
Besonders schön wird es am Rand des Tages. Wer Fotos liebt, geht früh am Vormittag oder am späten Nachmittag an Bord, wenn das Licht weicher ist und der große Andrang der mittäglichen Reisegruppen vorbei ist. Für Romantiker gibt es eigene Cocktailfahrten, bei denen du den See im Licht des sommerlichen Sonnenuntergangs erlebst. Und in Kooperation mit dem Boutique-Hotel Alemannenhof lässt sich eine Rundfahrt mit Landgang buchen: Auf der Sonnenterrasse des Hotels werden dir bei weitem Blick über das Wasser traditionelle Schwarzwälder Kirschtorte und Kaffee serviert. Mehr Schwarzwald-Klischee in seiner schönsten Form geht kaum.
Ausflugsziele in der Nähe
Weil eine Bootsfahrt vom Wetter lebt, lohnt es sich, eine Alternative für Regentage in der Tasche zu haben. Beides liegt praktisch um die Ecke. Nur wenige Gehminuten entfernt, ebenfalls in der Fußgängerzone, liegt die Märklin World Titisee, ein international beachtetes Modelleisenbahnmuseum. Auf über 450 Quadratmetern laufen vier aufwendige Showanlagen der Spurgröße H0 aus verschiedenen Epochen, mit über 150 Lokomotiven, 300 Waggons und 1000 Miniaturfiguren. Ein Paradies für kleine und große Eisenbahnfans.
Etwas weiter, in Titisee-Neustadt, wartet das BADEPARADIES SCHWARZWALD, eines der größten Freizeit- und Wellnessbäder Süddeutschlands. Im Galaxy sausen 18 Hightech-Rutschen für Familien und Actionfans, während die Palmenoase mit über 180 echten Palmen tropisches Flair für Erwachsene bietet. Mein Rat: Mach die Bootsfahrt zum Herzstück deines Tages am Titisee, plane sie für den ruhigeren Vormittag und halte dir einen Indoor-Plan B bereit. Mit der Hochschwarzwald Card ist die rund 25-minütige Rundfahrt auf einem der großen Schiffe einmal komplett kostenlos, ein guter Grund, den Tag genau hier zu beginnen.
Und wer lieber an Land aktiv wird, hat rund um den See die freie Wahl: Direkt am Ufer führt der Titisee-Rundweg einmal um das Wasser, und nur eine kurze Fahrt entfernt liegen die Ravennaschlucht, die Feldbergbahn und das Schwarzwälder Skimuseum.
Der Fahrbetrieb läuft je nach Wetter von etwa April bis Ende Oktober. Weil es sich um eine Outdoor-Attraktion im Gebirgsklima handelt, können Abfahrten bei dichtem Nebel, Gewitter, Sturm oder anhaltendem Regen kurzfristig ausfallen. Prüfe die aktuellen Zeiten vor der Anreise telefonisch.
Gut zu wissen
Geh für die schönsten Fotos und die ruhigste Fahrt früh am Vormittag oder am späten Nachmittag an Bord, wenn die Reisegruppen weg sind und das Licht weich wird. Mit der Hochschwarzwald Card fährst du einmal kostenlos auf einem der großen Schiffe mit. Toiletten gibt es an Bord nicht, also nutze vorher die öffentlichen Anlagen gegenüber der Anlegestelle.