Stell dir vor, du steigst von der hellen Hochfläche bei Breitnau hinab, und mit jedem Schritt wird die Welt enger, feuchter, lauter. Über dir wachsen Felswände in den Himmel, bis zu 600 Meter steil, das Tageslicht schrumpft zu einem grünen Schimmer, und irgendwo unter dir donnert Wasser über eine Felskante. Du bist in der Ravennaschlucht, einem der wildesten Einschnitte im ganzen südlichen Schwarzwald, und der Weg vor dir führt über Holzstege, Treppenleitern und in den Stein geschlagene Galerien immer dem Bach hinterher.
Ein V-Tal, das sich tief in den Fels gräbt
Die Ravennaschlucht ist ein scharf eingeschnittenes, V-förmiges Seitental, das sich auf knapp vier Kilometern in das breite Höllental öffnet. Geformt hat sie der Ravennabach, ein Wildbach, der das weite Hochland rund um Breitnau entwässert, eingerahmt von Bergen wie der Weißtannenhöhe mit 1.192 Metern und der Hohwart mit 1.120 Metern. Was heute wie eine Naturkulisse für Wanderer wirkt, war über Jahrhunderte schlicht unpassierbar. Nur vom Breitnauer Plateau bis hinab zur Großjockenmühle kam man durch, der untere, dramatische Teil mit den großen Wasserfällen blieb verschlossen.
Das änderte ein Mann mit Unternehmergeist. 1875 erkannte der ortsansässige Gastwirt Adolf Faller, was in dieser Klamm steckte, und ließ auf eigene Initiative einen durchgehenden Weg durch die Felsen anlegen. Aus der unwegsamen Schlucht wurde über Nacht eines der wichtigsten Ausflugsziele im Großraum Freiburg. Selbst der Name trägt Geschichte: Schon im 16. Jahrhundert taucht der Bach in Urkunden der Herren von Sickingen als 'Rauenna' auf, lange bevor die populäre, aber falsche Legende von italienischen Bahnarbeitern entstand. Wahrscheinlicher leitet sich 'Ravenna' vom französischen 'ravine' für Schlucht ab oder von einer keltischen Wurzel, die so viel wie Riss und Sturz bedeutet. Passender könnte ein Name kaum sein.








Hier rauscht das Wasser, knarzen die Stege, und das Licht fällt nur in grünen Strahlen durch das Tannendach.
Zwei Wasserfälle und ein Viadukt aus neun Bögen
Der geologische Höhepunkt deiner Wanderung trägt einen klaren Namen: der Große Ravenna-Fall. An einer querenden Gesteinsverwerfung stürzt das Wasser hier 16 Meter in die Tiefe, ein tosender Vorhang aus Gischt. Etwas flussabwärts folgt der Kleine Ravenna-Fall mit sechs Metern Gefälle. Komm am Nachmittag, wenn die Sonne schräg durch das feuchte Blätterdach dringt und die moosbewachsenen Felsen zum Leuchten bringt. Genau dann wird dieser kleinere Fall zum schönsten Motiv, das die Schlucht zu bieten hat.
Am unteren Ausgang, im Weiler Höllsteig, spannt sich ein Bauwerk über das Tal, das dir den Atem nimmt. Das Ravennaviadukt der Höllentalbahn überspannt die Schlucht in 36 bis 37 Metern Höhe, ist 224 Meter lang und ruht auf neun mächtigen Steinbögen. Errichtet wurde es 1926 und 1927, seine Fundamentpfeiler reichen bis zu 30 Meter tief in den instabilen Schluchtboden. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs gesprengt, steht es seit 1947 wieder in voller Pracht. Die Strecke gilt hier als steilste Bahnstrecke Deutschlands: Auf nur zwölf Kilometern zwischen Himmelreich und Hinterzarten überwindet sie 400 Höhenmeter. Direkt davor ragt der Galgenbühl auf, ein rund 30 Meter hoher Felsvorsprung, einst Hinrichtungsstätte, heute Aussichtspunkt mit Blick über das ganze Tal.
Mühlen, Marie Antoinette und eine Kuckucksuhr
Die Ravennaschlucht erzählt nicht nur von Wasser und Fels, sondern auch davon, wie Menschen diese Kraft nutzbar machten. Am oberen Eingang steht die 1883 erbaute Großjockenmühle, eine denkmalgeschützte Hofmühle, die früher Schrot und Mehl für den Eigenbedarf mahlte. Ihre Bauweise ist eine echte Seltenheit: Weil das Gelände so steil abfällt, konnte das Antriebswasser nicht seitlich zugeführt werden. Stattdessen leiteten die Baumeister es in einem Holzkanal direkt über und durch das Dach, sodass es von oben auf das Wasserrad stürzt. Weiter im Tal findest du die Ruine einer Seiltrieb-Anlage, die einst Rotationskraft über lange Transmissionsseile zu einem höher gelegenen Hof übertrug.
Den kulturellen Ankerpunkt bildet das Hofgut Sternen am Fuß der Schlucht, und hier wird es regelrecht historisch. 1770 rastete die spätere französische Königin Marie Antoinette auf ihrer Brautfahrt von Wien nach Versailles in diesen Mauern, neun Jahre später, 1779, übernachtete Johann Wolfgang von Goethe hier. Gleich nebenan steht die schon 1148 geweihte St.-Oswald-Kapelle, eines der ältesten Gotteshäuser im Schwarzwald, mit einem spätgotischen Altar aus der Werkstatt von Hans Baldung Grien. Wer es lebendiger mag: An der Fassade des SteigenHauses setzt sich alle 30 Minuten eine monumentale Kuckucksuhr, das 'Kuckucksnest', mit lebensgroßen Trachtenfiguren in Bewegung. Und in der GlasManufaktur formen Künstler bei bis zu 1.200 Grad filigrane Unikate von Hand, eine Handwerkskunst, die seit 2016 zum UNESCO-Welterbe zählt.
Was dich auf dem Weg erwartet
Das ist keine asphaltierte Promenade, das ist ein Abenteuer für die Beine. Die schmalen Pfade schlängeln sich am Bach entlang, überqueren ihn auf unzähligen Holzbrücken, klettern über Wurzeln und steile Steintreppen. Für die kurze Runde vom Hofgut Sternen bis zur Großjockenmühle und zurück planst du rund anderthalb bis zwei Stunden, etwa viereinhalb Kilometer. Wer mehr will, nimmt den beliebten Heimatpfad Hochschwarzwald: Aufstieg durch die gesamte Klamm, Rückweg über offene Panoramawiesen mit Alpenblick, gut sieben Kilometer und zweieinhalb bis dreieinhalb Stunden.
Für Familien ist genau diese Wildheit das Beste daran. Das ständige Rauschen, das Balancieren über Brücken, das Klettern über Stein: Kinder langweilen sich hier nicht eine Minute, anders als auf jedem geraden Forstweg. Eine Sache musst du aber wissen, und sie ist wichtig. Die Schlucht ist nicht kinderwagengerecht, das schließt die Topografie schlicht aus. Mit Säugling oder Kleinkind brauchst du eine Rückentrage. Festes, profiliertes Schuhwerk und Trittsicherheit sind Pflicht, denn die feuchten Felsen und Holzstege werden bei Nässe schnell rutschig. Und das Beste zum Schluss: Der Eintritt in dieses Naturwunder kostet keinen Cent, ganzjährig und rund um die Uhr.
Ausflugsziele in der Nähe
Eine Wanderung durch die Ravennaschlucht füllt zwei bis drei Stunden, der Rest des Tages ruft nach mehr. Setzt der Regen ein, bist du in elf Minuten am Titisee mit seinen Seerundfahrten, gleich daneben lockt das Badeparadies Schwarzwald als wetterfeste Alternative mit Rutschen und tropischer Palmenoase. Wer ohne klettern wandern möchte oder mobilitätseingeschränkte Begleitung dabei hat, fährt acht Minuten nach Hinterzarten, wo das Hochmoor flache, barrierefreie Bohlenwege bietet. Steht dir der Sinn nach noch mehr Wasserkraft, lohnen die Todtnauer Wasserfälle mit einer Fallhöhe von 97 Metern, gut 25 Minuten entfernt.
Den großen Kontrast liefert der Feldberg, mit 1.493 Metern der höchste Gipfel Baden-Württembergs, dessen Feldbergbahn nach dem Standard 'Reisen für Alle' barrierefrei zertifiziert ist. Und ambitionierte Wanderer hängen die Wutachschlucht an, den 'Grand Canyon des Schwarzwaldes', rund 30 Minuten weiter. Also: Pack feste Schuhe ein, leine den Hund an, und mach dich auf den Weg ins Höllental. Die Ravennaschlucht steht ganzjährig offen, kostet nichts und gehört zu den Erlebnissen, die du so schnell nicht vergisst.
In der Adventszeit verwandelt sich das Gelände unter dem Viadukt in den berühmten Weihnachtsmarkt in der Ravennaschlucht. Dann gilt strikte Ticketpflicht mit Zeitfenstern, der Vorverkauf läuft ausschließlich online, eine Abendkasse vor Ort gibt es nicht, und der Wanderzugang von unten ist während des Marktes gesperrt. Im tiefen Winter (meist Januar bis März) raten die Behörden von einer Durchquerung dringend ab: Vereiste Treppen, Galerien und Stege machen den Weg ohne hochalpine Ausrüstung lebensgefährlich.
Gut zu wissen
Die Ravennaschlucht zählt zu den meistbesuchten Naturzielen Baden-Württembergs. Komm an einem Wochentag oder sehr früh am Wochenendmorgen, dann hast du die Engstellen und Brücken fast für dich allein. Wichtig: In der wilden Schlucht gibt es auf vier Kilometern keine Toiletten, also nutze die Anlagen am Hofgut Sternen am Taleingang, bevor du losgehst.