Stell dir vor, du ziehst die Schuhe aus und spürst Moos, Rinde und kühle Kieselsteine unter den nackten Füßen. Über dir wacht eine furchterregende Holzschlange, daneben grinst ein Waldgnom aus einem verdrehten Wurzelstock. Ein geschnitztes Eichhörnchen namens Kucky weist dir mit erhobener Pfote den Weg. Willkommen im Schlühüwanapark bei Grafenhausen, wo aus den Trümmern eines Orkans ein verwunschener Erlebnispfad geworden ist, der dich Schritt für Schritt zu einem stillen Bergsee führt.
Ein Name, den keiner aussprechen kann, und die Katastrophe dahinter
Schlühüwanapark. Sag es einmal laut, und du verhaspelst dich garantiert. Hinter dem zungenbrecherischen Wort steckt kein alter Flurname, sondern eine kreative Wortschöpfung: Schlüchtsee-Hüsli-Wald-Natur-Park. Der 2,6 Kilometer lange Naturerlebnispfad verbindet das Heimatmuseum Hüsli in Rothaus mit dem Schlüchtsee, und sein Name fasst genau diese Reise zusammen.
Die Geschichte dahinter ist düster und wunderschön zugleich. Ende 1999 fegte der Orkan Lothar über den Schwarzwald und riss allein im Gebiet der Gemeinde Grafenhausen rund 30.000 Bäume aus dem Boden. Zwischen Rothaus und dem Schlüchtsee blieb eine riesige Kahlfläche zurück, übersät mit entwurzelten Fichten. Der Gemeindeförster Hartmut Frank und der Forstreferendar Oliver Fiedel hatten eine Idee: Statt die Sturmwurffläche nur zu räumen, machten sie einen Lehrpfad daraus. Der Hobbyschnitzer Herbert Hofmeier, damals Verwalter des Hüsli, ließ sich von den mystisch verdrehten Wurzeln inspirieren und schnitzte Drachen, Waldgnome und Fabelwesen daraus. Im Juli 2005 wurde der Pfad eröffnet.






Wo Lothar Bäume entwurzelte, balancieren heute Kinder über schwingende Balken und lauschen am Baumtelefon dem Wald.
Barfuß durch den Wald: die Mitmach-Stationen
Der Pfad ist kein gewöhnlicher Spazierweg, sondern ein Freiluftmuseum zum Anfassen. Gleich am Anfang wartet ein weitläufiger Barfußpfad: Du streifst die Schuhe ab und tastest dich über Moos, Rindenmulch und unterschiedliche Steinformationen. Die Füße melden plötzlich Dinge, die sonst keiner beachtet.
Weiter geht es zum Waldxylophon, das aus freischwingenden Holzklötzen besteht und beim Anschlagen warme, satte Klänge in den Wald schickt. Am Baumtelefon, einem langen ausgehöhlten Stamm, flüstert ein Kind am einen Ende, und am anderen kommt die Botschaft tatsächlich an, ein Riesenspaß für die Kleinen. An der Tierweitsprunggrube misst du deine eigene Sprungkraft und vergleichst sie mit Fuchs, Reh und Hase. Wer mag, sucht den fantasievollen Pilzkönig, ein oft fotografiertes Exponat. Tiefer im Wald zweigt der Pirschpfad ab, der dich einlädt, leise zu werden und die scheuen Waldbewohner aufzuspüren, und am Ende lädt der Ort der Stille zum Innehalten ein, um den Tierstimmen und dem Rauschen der Bäume zu lauschen.
Der See: ein Eisweiher mit Seerosen und einem Geheimnis
Am Ende des Pfades öffnet sich der Schlüchtsee. Er liegt auf exakt 914 Metern Höhe, misst rund sechs Hektar Wasserfläche bei 730 Metern Umfang und wird höchstens fünf Meter tief. Was so natürlich wirkt, ist Menschenwerk: Um 1791 ließ das Kloster St. Blasien die Schlücht aufstauen, um einen Eisweiher für die nahe Brauerei Rothaus zu schaffen, die das Eis zur Bierkühlung in den warmen Monaten brauchte. Später diente das Seewasser einer Textilfärberei, und die Uferwiesen wurden zum Bleichen genutzt. Seit 1940 steht der See unter Naturschutz.
Das nördliche Drittel ist heute durch im Wasser liegende Baumstämme abgetrennt und für Menschen vollständig gesperrt, eine geschützte Verlandungszone mit Feuchtwiesen und Flachmooren. Hier blüht im Frühsommer ein botanisches Wunder: weiße Seerosen und gelbe Teichrosen. Das Eiszeitrelikt der Mittleren Teichrose wurde einst eigens hierher umgesiedelt. Folgst du der Schlücht etwa hundert Meter flussabwärts, entdeckst du vom Weg aus aktive Biberbauten. Im flachen Sand- und Kiesstrand des Südufers planschen im Sommer die Kinder, das bergquellgespeiste Wasser erwärmt sich auf bis zu 22 Grad. Über der Liegewiese versorgt dich ein Kiosk mit Sonnenterrasse bei gutem Wetter, ein Getränkeautomat springt rund um die Uhr ein.
Für wen sich der Ausflug lohnt
Der Pfad ist wie gemacht für Familien. Die Strecke steigt kaum an, gerade einmal 57 Höhenmeter auf den ganzen Weg, und ist zu über 70 Prozent fein geschottert. Kinder ab etwa vier Jahren laufen hier als Selbstläufer, weil hinter jeder Biegung eine neue Station zum Ausprobieren lockt. Für den reinen Durchlauf mit Spielpausen solltest du rund anderthalb Stunden einplanen; hängst du eine Seeumrundung an, werden zwei bis drei Stunden daraus.
Auch wer ruhiger unterwegs ist, kommt auf seine Kosten: Der ebene, wurzelarme Weg eignet sich gut für einen gemütlichen Spaziergang, Sitzbänke am Ort der Stille und am nördlichen Aussichtspunkt laden zum Pausieren ein. Der Untergrund ist offiziell für geländegängige Kinderwagen und Sportbuggys geeignet. Ein kleiner Wermutstropfen: Bei nassem Wetter werden die hölzernen Geschicklichkeitsstationen rutschig, und bei Dauerregen lohnt sich der Ausweich auf eines der nahen Indoor-Ziele.
Ausflugsziele in der Nähe
Grafenhausen-Rothaus bündelt auf engstem Raum erstaunlich viel. Direkt am Startpunkt steht das Heimatmuseum Hüsli, die 1911 erbaute Villa der Berliner Konzertsängerin Helene Siegfried, vollgestopft mit historischen Uhren, Hinterglasbildern und bemalten Kachelöfen. In den 1980ern wurde das Haus als Kulisse für den Wohnsitz von Prof. Brinkmann in der ZDF-Serie Die Schwarzwaldklinik berühmt. Nur ein paar Schritte weiter wartet die Badische Staatsbrauerei Rothaus, wo du im Museum ZÄPFLE Heimat die Braugeschichte erlebst oder im Brauereigasthof zünftig einkehrst.
Im Ortskern lädt das Erlebnismuseum Schwarzwaldhaus der Sinne zu interaktiven Wahrnehmungs-Experimenten, ideal bei Schlechtwetter. Familien steuern die Tannenmühle an, ein Gasthaus mit großem Streichelzoo, in dem Kinder Alpakas, Lamas, Ziegen und Schafe füttern. Etwa 15 Kilometer entfernt liegt der große Schluchsee mit Segelbooten und der MS Schluchsee, der ruppige Gegenentwurf zum stillen Schlüchtsee.
Wer noch mehr vom Hochschwarzwald sehen will, findet in der weiteren Umgebung lohnende Ziele: Einen Abstecher wert ist die Wutachschlucht, und am nicht weit entfernten Titisee laden der Titisee-Rundweg und die Bootsrundfahrten Drubba Titisee zu einem zweiten Ausflugstag ein. Pack die Badesachen ein, nimm dir Zeit für den Barfußpfad und lass die Kinder am Baumtelefon flüstern, dieser Tag wird in Erinnerung bleiben.
Wegen gravierender Schäden am historischen Damm wurde der Schlüchtsee in den Saisons 2024 und 2025 für den Badebetrieb gesperrt und durfte nicht aufgestaut werden. Ende 2025 bewilligte das Land Baden-Württemberg Fördermittel, die Dammsanierung ist finanziert und läuft. Nach offizieller Prognose soll der See zur Badesaison 2026 wieder regulär aufgestaut und zum Schwimmen freigegeben werden. Der Schlühüwanapark, der Kiosk und die nördlichen Pfade waren von der Sperrung nicht betroffen. Einzelne Uferwege können zudem kurzfristig wegen Biberaktivität gesperrt sein, prüfe vor der Anreise die aktuelle Lage auf der Website der Gemeinde Grafenhausen.
Gut zu wissen
Den schönsten Moment erwischst du im Frühsommer (Juni/Juli): Dann verwandelt sich das geschützte Nordufer in ein Meer aus weißen Seerosen und gelben Teichrosen. Wer dem Trubel an der Haupt-Liegewiese entgehen will, sucht die Wiese am südöstlichen Ufer, die wird deutlich weniger besucht. Und am Wanderparkplatz Hüsli lohnt ein Blick in den umfunktionierten Kühlschrank: ein öffentlicher Tausch-Bücherschrank für kostenlose Lektüre am See.