Du setzt dich auf einen Stuhl, schaust deinem Gegenüber in die Augen, und plötzlich verschmelzen eure beiden Gesichtshälften zu einem einzigen, fremden Antlitz. Willkommen im Schwarzwaldhaus der Sinne in Grafenhausen, wo nichts so bleibt, wie deine Augen, Ohren und Füße es dir vorgaukeln. Hier wird Wahrnehmung kein Vortrag, sondern ein Versuch an dir selbst.
Gugge, mache, wunderfitze
Schon das Gebäude erzählt eine Geschichte. Unter einem ausladenden, traditionellen Schwarzwälder Walmdach steckt kein verstaubtes Heimatmuseum, sondern ein Mitmach-Haus, das dem alemannischen Leitmotto folgt: gugge, mache, wunderfitze. Schauen, machen, neugierig sein. 2014 suchte der damalige Bürgermeister Christian Beringer eine sinnvolle Nutzung für ein zentrales Gebäude im Ort, und daraus wurde ein Erlebnismuseum, das die Wissenschaft der menschlichen Sinne mit Schwarzwälder Kulturgeschichte verwebt.
Das Besondere: Hier haben Einheimische Hand angelegt. Der Tüftler Matthias Wild entwickelte das Konzept der Sinnesstationen, der ortsansässige Holzbildhauer Simon Stiegeler gab dem Haus zusammen mit der Freiburger Designerin Anne Deutsch und dem örtlichen Bauhof seine Gestalt. Traditionelle Holzkunst trifft auf Pop-Art. Über drei Etagen wanderst du durch Zonen für das Fühlen, Riechen, Sehen und Hören, bevor dich im Dachgeschoss Zeit und Resonanz erwarten. Rund zwei Stunden bist du unterwegs, und keine Minute davon sitzt du nur still und liest Texttafeln.




Hier schaust du nicht zu, wie Wahrnehmung funktioniert. Hier erwischt sie dich selbst.
Wenn Augen und Ohren dich austricksen
Die Sehen-Abteilung hat sich vorgenommen, deine Augen zu verwirren, und sie macht es gründlich. Am Streifenspiegel verschwimmst du mit deinem Gegenüber zu einem neuen Gesicht und merkst, wie wacklig das Gefühl für das eigene Ich eigentlich ist. Am Spiegelzeichnen sollst du ein Bild malen, während du deine Hand nur spiegelverkehrt siehst, und scheiterst auf die unterhaltsamste Art. Ein riesiges Wimmelbild des ganzen Ortes lässt dich nach versteckten Details suchen, und an eigenen Stationen kriechst du in einen simulierten Bienenstock und schaust die Welt durch die Facettenaugen einer Biene.
Eine Etage weiter werden Töne zu etwas, das du im Bauch spürst. Ein massiver chinesischer Gong erzeugt Schallwellen, die als tiefe Vibration durch deinen Körper wandern. An der Grafenhausener Geige machst du Klang sichtbar: Ähnlich den Chladnischen Klangfiguren zeichnest du mit deiner eigenen Stimme Muster, und plötzlich ist Schall ein optisches Instrument. Ein kräftiger Paukenschlag auf eine große Landsknechttrommel zeigt dir handfest den Unterschied zwischen bewegter Luft und reiner Schallwelle.
Barfuß durch den Maskenwald, blind durch den Dunkelgang
Jetzt kommt die Etage für Mutige. Der Indoor-Barfußpfad windet sich durch den Maskenwald, eine geheimnisvoll beleuchtete Zone voller traditioneller alemannischer Fastnachtsmasken. Deine Fußsohlen ertasten Untergründe des Schwarzwaldes, von Tannenzapfen bis zu simulierten Glasscherben. In Fühlkästen greifst du blind nach Alltagsgegenständen, und an einer Station musst du herausfinden, welches Tierfell zu welchem Pfotenabdruck passt. Im Schwarzwälder Bauerngarten, einer künstlichen Blumenlandschaft, die das ganze Jahr blüht, sind die Düfte manipuliert: Du schnupperst dich durch und sollst erkennen, welcher fremde Geruch den Blumen untergeschoben wurde.
Die Grenzerfahrung des Hauses ist der Dunkelgang. Du betrittst einen völlig lichtlosen, schwarzen Raum und findest nur tastend wieder hinaus. Für ein paar Minuten verlierst du deinen wichtigsten Orientierungssinn und verstehst, wie blinde und stark sehbehinderte Menschen die Welt erfahren. Wer es noch eine Stufe weiter mag, peilt die Dunkelbar an, die zu speziellen Terminen öffnet: Im Stockfinstern Getränke schmecken und richtig zuordnen, ohne dass das Auge mitisst, ist erstaunlich schwer. Diese Termine sind ab zwölf Jahren eigenständig zugänglich, jüngere nur in Begleitung.
Ganz oben wird es still
Unter dem Dachgebälk passiert etwas Unerwartetes. Die Ausstellung wechselt von der Sensorik zur Sinnsuche. Hier liegt der ZeitRaum, der unter der wissenschaftlichen Patenschaft des Soziologen Prof. Hartmut Rosa steht, der 1965 in Lörrach geboren wurde und in Grafenhausen aufwuchs. Seine vielbeachteten Theorien zur gesellschaftlichen Beschleunigung hat er hier in begehbare Stationen übersetzt. Weil der Mensch keinen biologischen Zeit-Sinn besitzt und Zeit nur an Veränderungen misst, helfen dir entschleunigende Exponate, deinen eigenen Zeitfressern auf die Spur zu kommen. Der ZeitRaum eröffnete 2015.
Direkt daneben kam am 3. Oktober 2020 der ResonanzRaum dazu, eine stille, nachdenkliche Zone. Sie fragt, wie du auf Farben, Töne und vor allem auf andere Menschen reagierst, und lädt dich ein, über echte Begegnungen nachzudenken. Genau dieser Stock macht das Haus zu mehr als einem Kindermuseum: Erwachsene und Senioren beschreiben den ZeitRaum oft als das unerwartete Highlight ihres Besuchs. Ein Tipp aus der Praxis: Spar dir nach den lauten Tönen und der Dunkelheit der unteren Etagen bewusst etwas Energie auf, denn hier oben braucht es Ruhe.
Was du mitnimmst, und wo die Kinder toben
Das Schöne an diesem Haus ist, dass es niemanden langweilt. Kinder ab etwa vier Jahren halten durch, weil sie nicht lesen, sondern tasten, spüren und ausprobieren. Breite Gänge und ein Aufzug machen das Navigieren mit dem Kinderwagen in den Kernbereichen unkompliziert. Und während die Kleinen den Gong zum Vibrieren bringen, finden die Großen oben ihre eigene Tiefe. Das Museum begreift sogar den Außenbereich als Verlängerung: Vor der Tür wartet ein Spielplatz mit einer Resonanzschaukel, einem großen Tic-Tac-Toe aus Holz und einem Sandkasten als simulierter Ausgrabungsstätte. Holzbänke laden die Begleitpersonen zum Verweilen ein.
Drinnen ist alles auf Familien ausgelegt, bis hin zu Kindertoiletten und Wickeltisch. Im museumseigenen Café Wunderfitz machst du nach dem Rundgang Pause bei Kaffeespezialitäten und lokal gebackenem Kuchen, und in Besucherbewertungen wird die freundliche, unaufgeregte Art des Personals immer wieder gelobt. Ein Museumsshop und wechselnde Ausstellungen regionaler und internationaler Künstler runden den Besuch ab. Mit der Hochschwarzwald Card kostet dich der ganze Tag keinen Eintritt, das ist der Moment, in dem aus einem Ausflug eine echte Entdeckung wird.
Ausflugsziele in der Nähe
Grafenhausen liegt mitten im Rothauser Land, und das Museum ist der ideale Mittelpunkt eines ganzen Tages. Nur wenige Minuten entfernt braut die berühmte Badische Staatsbrauerei Rothaus ihr Tannenzäpfle, und der Rothaus Express, eine touristische Wegebahn, pendelt gemütlich zwischen Grafenhausen und dem Schluchsee. Gleich neben der Brauerei steht das Heimatmuseum Hüsli, das in den 1980er Jahren als Wohnsitz von Professor Brinkmann in der Kult-Serie Die Schwarzwaldklinik berühmt wurde. Wer danach Natur sucht, ist beim Schlüchtsee & Schlühüwanapark richtig, dessen leicht begehbarer Naturerlebnispfad mit handgeschnitzten Holzfiguren zum stillen See führt. Und eine kurze Fahrt weiter wartet die Tannenmühle mit Kleintiergehegen, Streichelzoo und Mühlenmuseum. Wer den Hochschwarzwald über das Rothauser Land hinaus erkunden will, findet weitere lohnende Ziele in der Region: einen Abstecher wert sind die Wutachschlucht, der Titisee-Rundweg, das BADEPARADIES SCHWARZWALD und die Feldbergbahn. Pack die Hochschwarzwald Card ein, plan dir den Vormittag im Haus der Sinne und lass den Nachmittag im Rothauser Land ausklingen.
Das Museum macht jährlich Betriebsferien von Anfang November bis Mitte Dezember, dann ist geschlossen. Kassenschluss und letzter Einlass sind eine halbe Stunde vor Schließung. Sondertermine wie die Dunkelbar sind an feste Daten gebunden, ein Blick in den Veranstaltungskalender vor dem Besuch lohnt sich.
Gut zu wissen
Hebe dir bewusst Energie für das Dachgeschoss auf. Die unteren Etagen mit Gong, Dunkelgang und Gerüchen sind fordernd, doch der ZeitRaum von Hartmut Rosa entfaltet seine Wirkung nur in Ruhe. Wer als Familie kommt, sollte außerdem den Wanderparkplatz Rathausplatz ansteuern, keine 200 Meter zu Fuß und an Regentagen viel entspannter als das Gedränge direkt am Haus.