Stell dir vor, du stehst in einem stillen Saal, und ringsum tickt es leise aus hundert Werken. Ein Pendel schwingt, irgendwo schlägt eine Standuhr zur vollen Stunde, und aus einem geschnitzten Türchen ruft ein hölzerner Kuckuck. Mehr als 8.000 Uhren aus aller Welt warten in Furtwangen, die größte Sammlung von Schwarzwalduhren, die es überhaupt gibt. Jedes dieser Stücke erzählt dieselbe verblüffende Geschichte: wie aus einem abgelegenen Hochtal eine Industrie wurde, die der halben Welt die Zeit ins Wohnzimmer hängte.
Wie aus langen Wintern eine Weltindustrie wurde
Es beginnt mit dem Schnee. In den langen Wintermonaten, als auf den Höfen des Schwarzwalds wenig zu tun war, schnitzten die Bauern einfache Holzuhren mit einem einzigen Zeiger. Was als Nebenerwerb gegen die karge Landwirtschaft gedacht war, wuchs zu einem freien Gewerbe, das bald in ganz Mitteleuropa Käufer fand. Doch Mitte des 19. Jahrhunderts geriet dieses Handwerk durch die Industrialisierung in eine schwere Krise. Der badische Staat griff ein und gründete 1850 in Furtwangen die erste deutsche Uhrmacherschule. Ihr erster Direktor war Robert Gerwig, ein Ingenieur und Eisenbahnbauer, der die Schwarzwälder Uhrmacherkunst nicht nur als Wirtschaftszweig sah, sondern als Erbe, das es zu bewahren galt.
Gerwig erkannte schnell, dass eine gute Ausbildung beste Anschauungsstücke braucht. 1852 rief er die Uhrmacher auf, ihm alte und bedeutsame Uhren zu schicken. Das war die Geburtsstunde der Sammlung, zunächst als reine Lehrsammlung für die Schule. Bis heute ist das Museum eng mit der Hochschule verbunden, es gehört zur Hochschule Furtwangen University. Ein Schlüsselmoment kam 1975: Als die wertvolle Privatsammlung des Fabrikanten Hellmut Kienzle versteigert zu werden drohte, kaufte das Land Baden-Württemberg rund 1.500 internationale Kostbarkeiten an, darunter prunkvolle Renaissance- und Barockuhren, und gliederte sie in Furtwangen ein. Heute lagern über 8.000 Objekte im Bestand, und im modernen Bau am Robert-Gerwig-Platz werden auf rund 1.400 Quadratmetern etwa tausend bis dreizehnhundert davon dauerhaft gezeigt.





Mehr als 8.000 Zeitmesser aus aller Welt, die größte Schwarzwalduhren-Sammlung, die es gibt. Und der Ort, an dem die Kuckucksuhr ihr berühmtes Gesicht bekam.
Drei Stücke, die du gesehen haben musst
Bleib zuerst vor der astronomischen Kunstuhr stehen, die Pater Thaddäus Rinderle aus dem Kloster St. Peter im Jahr 1787 baute. Das kunstvoll bemalte Schild wird dem Künstler Matthias Faller zugeschrieben. Im Zentrum des Zifferblatts dreht sich die Erde, und mit nur vier Räderpaaren zeigt das Werk den Auf- und Untergang der Sonne, den Wechsel der Jahreszeiten, das Zu- und Abnehmen des Mondes, sogar die seltenen Mond- und Sonnenfinsternisse. Rinderle wollte etwas bauen, das andere leicht nachmachen können, doch sein Stück blieb ein unerreichtes Einzelstück. Seit 1859 steht es in Furtwangen.
Dann die Geburtsstunde eines Welterfolgs. 1850 fielen die Preise für Schwarzwälder Holzuhren, und Robert Gerwig schrieb einen Wettbewerb für ein neues Uhrengehäuse aus. Gewinner wurde der Karlsruher Architekt Friedrich Eisenlohr, der eigentlich Bahnhöfe und Wärterhäuschen für die Badische Staatseisenbahn entwarf. Er übertrug das charmante Bahnwärterhäuschen auf die Uhr, mit Zifferblatt und Efeuranken. Der Kuckuck fehlte in diesen ersten Skizzen noch ganz. Erst als man das Bahnhäusle mit der alten Rufmechanik kombinierte, entstand das Gesicht, das heute jeder auf der Welt als Kuckucksuhr erkennt. Im Museum kannst du diesen Wendepunkt Skizze für Skizze nachverfolgen.
Und schließlich die Lackschilduhr, die Historiker den VW-Käfer unter den Uhren nennen. Allein in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden 15 Millionen Stück gefertigt und bis nach Frankreich, England, ins Osmanische Reich und sogar nach China verkauft. Auf den hölzernen Schildern blühen Blumen, stehen Mühlen und Schwarzwaldhäuser, und weil die Maler ihre Motive den Zielmärkten anpassten, findest du darauf gelegentlich auch exotische Tiere wie Giraffen. Ein Höhepunkt ist eine geschlossene Gruppe von rund 80 Lackschilduhren, die die Sammlerin Brigitte Billing zwischen 1962 und 1970 als Dachbodenfunde rettete, bevor die große Nostalgiewelle einsetzte.
Wenn der Guide das Werk in Gang setzt
Das Schönste an diesem Museum hörst du, statt es nur zu sehen. Bei den Führungen, die fast jeder dritte Gast bucht, setzen die Guides die alten Standuhren, Wecker und Kuckucksuhren direkt vor dir in Gang. Sie kurbeln die mächtigen Drehorgeln an, lassen die Karussellorgeln spielen, und plötzlich ist die Geschichte der Zeit kein stummes Regal mehr, sondern ein ganzer Raum voller Klang. Weil im Schwarzwald Gäste aus aller Welt unterwegs sind, gibt es diese Rundgänge mehrsprachig, auf Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch und, als augenzwinkerndes Detail, auch im Schwarzwälder Dialekt. Eine Führung dauert etwa eine Stunde.
Der Rundgang spannt einen großen Bogen. Er beginnt bei den Sonnenuhren, die bis um 1800 nötig waren, um die noch unzuverlässigen mechanischen Uhren immer wieder nachzustellen. Weiter geht es zu den ersten Räderuhren um 1300, dann in den Raum der Pendeluhren, deren Erfindung es Naturforschern erstmals erlaubte, die Zeit genau zu messen und Experimente nachvollziehbar zu machen. Am Ende stehst du vor der Moderne: vor Küchenweckern und Stechuhren um 1900, der ersten funkgesteuerten Armbanduhr von Junghans und den Atomuhren, die heute unsere weltweit vernetzte Zeit takten. Kein Wunder, dass die Uhr hier als die Schlüsselmaschine des Industriezeitalters gilt.
Warum sich der Weg für die ganze Familie lohnt
Uhrmacherei klingt nach trockener Technik, und genau hier dreht das Museum den Spieß um. Für Kinder gibt es eigene Such- und Zeitreise-Spiele, mit denen sie die Ausstellung auf eigene Faust erkunden. Das laute Surren und Ticken der großen Getriebe, der Ruf des Kuckucks und die Musik der Drehorgeln sprechen ganz unterschiedliche Sinne an, und am Ende geht niemand gelangweilt hinaus. Für einen entspannten Rundgang durch alle Epochen samt einem Blick in den Museumsshop planst du am besten anderthalb bis zwei Stunden ein.
Das Haus denkt dabei an alle. Rampen und geräumige Aufzüge machen die Ausstellung vollständig barrierefrei, und es gibt eigene Formate für gehörlose, schwerhörige und sehbehinderte Gäste. Weil sich alles in geschlossenen Räumen abspielt, ist das Uhrenmuseum außerdem das verlässliche Ziel für die Tage, an denen der Schwarzwald im Regen versinkt. Du verbindest Kultur, Technik und ein bisschen Staunen, ganz ohne auf gutes Wetter angewiesen zu sein.
Ausflugsziele in der Nähe
Furtwangen liegt mitten im oberen Bregtal, und rundherum findest du genug, um daraus einen ganzen Tag zu machen. Nur wenige Kilometer außerhalb, im Ortsteil Katzensteig, entspringt beim Kolmenhof die Breg, der längste Quellfluss der Donau. Eine Bronzestatue des Flussgottes Danuvius wacht über die Quelle, ein Gasthof und ein Spielplatz laden zur Mittagspause. Wer hoch hinaus will, wandert auf den 1.149 Meter hohen Brend, Furtwangens Hausberg, wo der steinerne Brendturm den Aufstieg mit einem Panorama über Belchen und Feldberg bis zu den Vogesen und den Schweizer Alpen belohnt.
Und wenn dich nach all den feinen Räderwerken die große, grobe Mechanik lockt, fahr zur Hexenlochmühle in einem romantischen Seitental. Ihre beiden wasserbetriebenen Holzräder drehen sich noch immer und liefern eines der berühmtesten Fotomotive des Schwarzwalds. Pack das Uhrenmuseum am Vormittag, schnapp dir danach Quelle, Turm oder Mühle, und du hast einen Tag, der von der feinsten Mechanik bis zum rauschenden Mühlrad alles zeigt, was diese Region ausmacht.
Aktueller Hinweis: Das historische Haupthaus am Robert-Gerwig-Platz ist wegen einer umfassenden Generalsanierung bis voraussichtlich 2027 für den normalen Besuch geschlossen, die gesamte Sammlung wurde sicher ausgelagert. Stattdessen läuft im StattMuseum in der Friedrichstraße 3, nur rund 250 Meter entfernt, ein lebendiges Ersatzprogramm. Jeden Donnerstag von 10 bis 16 Uhr kannst du ohne Anmeldung vorbeischauen. Das beliebteste Angebot ist der Workshop, in dem du deine eigene Kuckucksuhr baust (für Teilnehmende ab 16 Jahren, Kinder ab 10 in Begleitung), inklusive Bausatz mit handgeschnitztem Schild und Quarzwerk. Dafür solltest du gut zwei bis zweieinhalb Stunden einplanen, der Festpreis liegt zwischen 40 und 50 Euro pro Person und ein Termin muss vorab telefonisch unter 07723 9202800 gebucht werden.
Gut zu wissen
Mit der Hochschwarzwald Card ist der reguläre Eintritt (sonst 7 Euro) einmal pro Aufenthalt komplett inklusive. Plane den Workshop früh: Weil der klassische Rundgang derzeit entfällt, sind die Bastelplätze für die eigene Kuckucksuhr international stark gefragt. Ruf am besten ein paar Tage vorher unter 07723 9202800 an und sichere dir deinen Platz, spontan klappt es nur am offenen Donnerstag.