Stell dir vor, du stehst am Waldrand und hältst einen Brief in der Hand, der nie angekommen ist. Adressiert an einen Auerhahn namens Anton, abgeschickt von Ferdinand, dem Postboten der Wichtelpost in blauer Uniform. Ferdinand hat den großen Vogel im dichten Auerhahnwald am Feldberg einfach nicht gefunden, und jetzt bittet er dich und deine Kinder um Hilfe. So beginnt der Wichtelpfad. Kein gewöhnlicher Waldspaziergang, sondern eine Schatzsuche durch das größte und älteste Naturschutzgebiet Baden-Württembergs, auf 1.300 Metern Höhe, dort wo der Schwarzwald rau und still wird.
Ein Brief, der nie ankam
In diesem verwunschenen Wäldchen lebt der Feldbergwichtel Velt mit seinen Freunden. Da ist Wuchtig, der Wirt vom Wirtshaus „Zur süßen Heidelbeere", da ist Violeta, die Waldfee, und Hypogymnus Flechtel, der die Waldapotheke betreibt. Sie alle sind verstrickt in eine einzige Frage: Wo steckt Anton, der Auerhahn? Velt nimmt deine Kinder an die Hand und macht sie zu Suchern. Plötzlich ist der Wald kein Hintergrund mehr, sondern Bühne. Jeder Wurzelstock könnte eine Wichteltür verbergen, jedes Rascheln könnte Anton sein.
Hinter dieser liebevollen Inszenierung steckt eine ernste Absicht. Der 1,8 Kilometer lange Rundweg führt Vorschul- und Grundschulkinder spielerisch an den Gedanken des Umweltschutzes heran und erzählt von der Lebensweise des stark gefährdeten Auerhuhns. Konzipiert hat den Pfad Achim Laber vom Regierungspräsidium Freiburg, gepflegt wird er vom Naturschutzzentrum Südschwarzwald, Projektträger ist die Gemeinde Feldberg. Sogar das ZDF-Kinderformat „Löwenzahn" hat mitgewirkt. Die Geschichte ist also kein Schmuck, sie ist das Vehikel, mit dem die Biologie eines scheuen Vogels in kleine Köpfe wandert.








Hier sucht dein Kind nicht nach dem Weg, sondern nach einem Auerhahn. Und lernt nebenbei, warum es ihn beschützen muss.
Wo die Wichtel wohnen
Schon die ersten Wegweiser machen klar, dass hier andere Regeln gelten. Sie zeigen die Entfernung zur nächsten Station nicht in Metern an, sondern in „Kinderschritten". Bald tauchen die Behausungen der Wichtel auf, organisch in Baumstämme und Wurzeln geschnitzt. Das winzige „Gasthaus Heidelbeere" steht da, daneben die „Wichtelapotheke", an der „Wichteltanne" hängen aufklappbare Holztafeln, die die Geschichte weitertreiben und Hinweise für die Suche liefern. Violeta Waldfee verrät unterwegs, dass Antons Frau Anke gerade den Nachwuchs in den Heidelbeersträuchern hütet.
Dann wird es richtig spannend. Die Fuchshöhle ist ein dunkler Durchgang, durch den furchtlose Kinder auf allen Vieren krabbeln können, und sie zeigt, welche Feinde dem Auerhuhn gefährlich werden. Am Räuberfelsen und an der Schlummerfichte, Antons eigentlichem Schlafplatz, lernen die Kleinen die Rückzugsorte der Tiere kennen. An einem Ausguckbaum darfst du hinaufklettern und durch ein montiertes Fernrohr das Geäst absuchen, nur um vielleicht ein Schild „Bin ausgeflogen" neben einem großen Wecker zu finden. Und am Waldhörrohr, dem Waldophon, presst dein Kind das Ohr ans Holz und hört den Wald plötzlich lauter, klarer, näher.
Was du unterwegs lernst
Im „Haus der Natur", nur zwei Gehminuten vom Einstieg entfernt, holst du dir den kostenlosen Flyer mit dem Weg-Quiz. Ohne ihn machen die aufklappbaren Tafeln nur den halben Spaß, denn die Antworten auf die Rätselfragen verstecken sich genau dort im Wald. Und die Fakten haben es in sich. Dein Kind erfährt, dass Auerhühner kleine Steinchen fressen, um die faserreiche Nahrung im Magen zu zermahlen. Dass die Männchen an einer roten Stelle über den Augen zu erkennen sind. Dass die Weibchen ihr braunes Federkleid als perfekte Tarnung im Unterholz tragen.
Wer noch mehr Motivation braucht, nutzt den „Wälderfuchs-Sammelpass" der Region. Entlang des Pfades steht eine markierte Fotostation mit QR-Code. Macht dein Kind dort ein Beweisfoto, gibt es einen Sticker in den Pass. Genug Sticker gesammelt, und es winkt in einer der Tourist-Informationen eine kleine Überraschung. Für Schulklassen, Kindergärten und große Familienverbände bietet das Naturschutzzentrum geführte Wichtel-Touren an, etwa anderthalb Stunden lang, bei denen ein Ranger selbst in die Rolle des Erzählers schlüpft und die Verhaltensregeln im Naturschutzgebiet ganz nebenbei in die Geschichte einwebt.
Der Pfad unter deinen Füßen
Unterschätze den Weg nicht, gerade weil er so verspielt klingt. Auf seinen 1,8 Kilometern überwindet der Rundweg rund 60 bis 81 Höhenmeter, zwischen 1.254 und 1.314 Metern über dem Meer. Etwa die Hälfte der Strecke besteht aus naturnahen, wurzeligen Pfaden, dazu Feinschotter und nur ein kurzes asphaltiertes Stück. Über moorige, feuchte Abschnitte führen Balancier-Baumstämme und schmale Holzstege. Genau das macht den abenteuerlichen Reiz aus, und genau das schließt manche aus: Der Wichtelpfad ist nicht kinderwagentauglich, und für Rollstuhlfahrer sowie Menschen mit Rollator oder Gehhilfe ist er nicht passierbar.
Familien mit den Kleinsten greifen deshalb zur Rückentrage. Eine solche Kraxe leihst du im „Haus der Natur" für 3,00 Euro zuzüglich Pfand, solange der Vorrat reicht. Denk an festes, geschlossenes Schuhwerk und kleide dich nach dem Zwiebelprinzip. Der Feldberg ist eine subalpine Insel im Mittelgebirge, und während im Tal 30 Grad herrschen, kann es hier im Schatten der alten Fichten kühl und auf Freiflächen windig sein. Genau dieser dichte Blätter- und Nadelteppich macht den Pfad an glühenden Hochsommertagen so angenehm, weil der Wald eine eigene Kühle spendet.
Wenn die Suche zu Ende ist
Reine Gehzeit wären 30 bis 45 Minuten. Aber so läuft hier niemand. Mit dem Suchen, Krabbeln, Lauschen und Balancieren wird daraus ein Ausflug von eineinhalb bis zwei Stunden, und das liegt vor allem am großen Finale. Am Ende des verschlungenen Pfades öffnet sich ein weitläufiger, naturnaher Waldspielplatz. Dort thront eine überlebensgroße Holzskulptur von Anton Auerhahn, endlich gefunden. Rutschen, Wippen, bekletterbare Wichtelhäuser und Höhlen warten darauf, dass dein Kind nach der konzentrierten Suche allen aufgestauten Bewegungsdrang herauslässt.
Das ist der Moment, in dem du dich auf eine Bank setzt, den mitgebrachten Proviant am Picknickbereich auspackst und merkst, dass dein Kind heute etwas mitnimmt, das länger hält als ein Souvenir. Eine Geschichte, die es selbst zu Ende erlebt hat, und ein Gefühl dafür, dass dieser stille Wald schützenswert ist. Und das Beste: Der Pfad, der Spielplatz, alles ist kostenlos. Das Naturschutzzentrum freut sich nur über eine freiwillige Spende, die hilft, die Holzfiguren instand zu halten.
Ausflugsziele in der Nähe
Weil der Wichtelpfad nur ein bis zwei Stunden füllt, lässt er sich leicht zu einem ganzen Tag ausbauen. Direkt am Start liegt das „Haus der Natur" mit seiner interaktiven Dauerausstellung, einer virtuellen Ballonfahrt und einem elektronischen „Talking Ranger". Suchen die älteren Geschwister mehr Action, wartet die FUNDORENA - Indoor-Hochseilpark gleich nebenan, eine Indoor-Halle mit wetterunabhängigen Kletter- und Trampolinlandschaften, daneben ein Outdoor-Kletterwald. Gleich am Berg dreht außerdem die Feldbergbahn ihre Runden. Ebenfalls am Feldberg gibt es eine Holzkugelbahn, bei der Kinder ihre Holzkugel über Hindernisbahnen kurbeln und am Ende als Souvenir behalten dürfen.
Wer mit älteren Kindern ab etwa sechs Jahren noch Kraft hat, wandert zum Feldsee hinab, einem von eiszeitlichen Gletschern ausgehobelten Becken mit glasklarem Wasser. Der steile Ab- und Aufstieg vom Parkhaus dauert jeweils rund 30 Minuten, Schwimmen und Bootfahren sind zum Schutz der Pflanzenwelt strengstens verboten. Und wer über Titisee anreist oder zurückfährt, findet dort mit dem Titisee-Rundweg und dem BADEPARADIES SCHWARZWALD gleich zwei weitere Ziele für den Rest des Tages. Pack also den Rucksack, schnür die festen Schuhe und mach dich auf den Weg auf den höchsten Berg des Schwarzwaldes. Anton wartet schon, und Velt zählt auf euch.
Das früher beworbene „Mach mit"-Heft ist derzeit physisch vergriffen. Der informative Flyer mit Wegbeschreibung und Rätsel ist aber weiterhin kostenlos im „Haus der Natur" erhältlich. Plane den Stopp dort fest in deinen Ausflug ein, bevor du in den Wald gehst.
Gut zu wissen
Steck eine kleine Taschen- oder Stirnlampe ein. In der künstlichen Fuchshöhle, durch die deine Kinder krabbeln, kommen erst mit etwas Licht die verborgenen Details zum Vorschein, und der Entdeckerspaß steigt enorm. Und hol dir vor dem Start im „Haus der Natur" den Quiz-Flyer, sonst bleiben die aufklappbaren Tafeln im Wald stumm.